Wer sind nur diese Tierärzte?

Die wichtigste Veranstaltung für Tierärzte ist der alljährliche Kongress des Berufsverbandes. Auch Gelegenheit, mal „nach innen“ zu blicken und sich selbstkritisch zu fragen, was man da so treibt – „im Spannungsfeld von Tierwohl und Ökonomie“. Und Mc Donald’s.

Der große Tierärztekongress findet alle zwei Jahre im Wechsel in Hannover oder in einer anderen deutschen Stadt statt. Dieses Mal fiel die Wahl auf Mainz. Viele Seminare, Fortbildungen, ein „Get together“ auf dem Rhein – ja und auch berufspolitische Veranstaltungen mit Vertretern aus Politik, Industrie und Landwirtschaft. Das Thema „Tier als Lebensmittel“ spaltet die Tierärzteschaft.

Tierärzte - treffgenau positionieren?

Wir Tierärzte wollen einerseits, dass es den Tieren gut geht und arbeiten als Praktiker und nicht zuletzt auf Ämtern für Tiergesundheit und Tierschutz und Lebensmittelsicherheit. Andererseits verdienen wir unseren Lebensunterhalt im Auftrag von Landwirten und Lebensmittelherstellern, die ihr Geld mit dem „Lebensmittel Tier“ verdienen. Für manchen Verbraucher (und auch manchen Tierarzt) nicht leicht nachvollziehbar. Ulrike Höfken, GRÜNE Ministerin für Landwirtschaft und Umwelt in Mainz, brachte es bei den Tierärzten provokant auf den Punkt: „Was leistet der Tierarzt für die Tiere und die Gesellschaft – und nicht nur fürs eigene Portemonnaie?“

Bloße Erfüllungsgehilfen der Industrie?

Der Druck auf Tierarzt und Landwirt ist groß. Fleisch, Eier und Milch sind die billig-Kampfprodukte in Diskountern. Geflügel wird fertig verarbeitet für 77 Cent das Kilo verkauft – unter fabrikähnlichen Bedingungen kann es billigsten falls für 80 Cent das Kilo produziert werden, so der Dr. Wilhelm Priesmeier, Mitglied des Bundestages und selber Tierarzt. Die Landwirte werden weniger, die Betriebe immer größer, die Auflagen komplizierter und teurer. Der Tierarzt selbst entwickelt sich langsam weg vom Behandler einzelner Tiere hin zum Überwacher

Wer sind die Tierärzte? "Erfüllungsgehilfen der Industrie" oder "Anwälte der Tiere"?

ganzer Bestände – die er als Organismus begreift, der erst gar nicht erkranken darf. Das einzelne Tier zählt immer weniger. „Der Verbraucher will es so“, sagen manche Tierärzte. Und befürchten, dass auch Schweine und Rinder bald (nur noch) in Fabriken gehalten werden. Auf Rechnung einer handvoll Großinvestoren. „Wie in der Geflügelbranche“, sagt Priesmeier. „Da gibt es eigentlich nur noch vier Betriebe!“ Das Problem für den Tierarzt: Seine Kunden werden zahlenmäßig weniger, die einzelnen Bestände wachsen – und damit wächst auch die Abhängigkeit des Veterinärs. Kritische Tierärzte sagen, Kollegen machten sich zum Erfüllungsgehilfen der Industrie. Sie kurierten Krankheiten, die aus schlechten, rein profitorientierten Haltungsbedingungen resultieren. Und hätten nicht mehr die Macht, bei Missständen im Sinne der Tiere einzugreifen. Entweder würden sie dann den Bestand als Kunden verlieren oder der Betrieb würde – wie tatsächlich in sehr vielen Fällen – einfach abgebaut und in den „Osten“ transportiert. Dort sei die Produktion unter bei uns geächteten Verhältnissen problemlos möglich. Und der Verbraucher – fragt der, ob sein Ei von dort kommt?

Hierzu ein Link: www.sueddeutsche.de/Ebner Dr. Rupert Ebner, Kritiker des Berufsstandes, hat seine „Ämter in der Standespolitik niedergelegt, weil ich nicht mehr Teil eines Systems sein wollte in dem die Pharmaindustrie und die industrielle Agrarproduktion die Richtung bestimmen und Tierschutzgedanken und gesetzeskonformes tierärztliches Arbeiten als Verbandspolitik keine Rolle spielen“. Nach Ansicht „aktiver“ Praktiker sind in dem Interview einige Behauptungen nicht ganz korrekt. In Ingoldstadt, wo Ebner praktiziert, sind die landwirtschaftlichen Betriebe eher klein. Unbedingt sehenswert! 

Bauernhof ist kein Streichelzoo

„Landwirtschaft hat wenig mit Romantik zu tun“, schrieb neulich ein Kollege sehr plakativ. „Schließlich geht es darum, dass der Landwirt überlebt und Nahrungsmittel erzeugt, die für alle Bevölkerungsschichten bezahlbar sind und nicht nur für Besserverdienende. In früheren

"Gute alte Zeit"? Stickige Luft, dunkler Stall, ein Leben lang angebunden ...

Zeiten war der Bauernhof auch kein Streichelzoo, den Tieren ging es haltungsbedingt oft deutlich schlechter, tierärztliche Versorgung war unbekannt….“ Der „gemütliche“ kleine Stall mit kleinen Fenstern, wenig Licht und niedrigen Decken, wo Kühe ihr Leben angebunden bei muffigem Heu und Stroh verbringen, scheint dem TV-Konsumenten „romantisch“. Moderne Ställe sind ganzjährig hell und luftig, das Futter ist ganzjährig gesund und frisch.

Wie auch immer man das sieht – jedes unserer Tiere hat ein Recht darauf, medizinisch versorgt zu werden und seine Lebensspanne möglichst zufrieden zu verbringen! Und: Schweine, die aus Unglück oder Krankheit nicht fressen, schlagen hochgerechnet auf Großbestände sofort zu Buche! Gleichzeitig möchte der Verbraucher mit gutem Gewissen essen – und nicht mit Tierleid in massentierhalterischen Fleischfabriken vor Augen Einkaufen gehen. Puh, was für ein verworrenes Spiel! Was also tun?

„Tierwohl ist nur ein Bauchgefühl“

Nach Ansicht der Tierärzte muss einerseits beim Verbraucher „Bewusstsein“ geschaffen werden. Bewusstsein, dass Lebensmittel einen Wert haben. Und keine Wegwerfartikel Natwest open sind – egal ob tierischer oder pflanzlicher Herkunft!

Andererseits fordern Tierärzte verbindliche Maßstäbe. Denn, so Dr. Hans-Joachim Götz, Präsident des Tierärzteverbandes, „Tierwohl ist nur ein Bauchgefühl.“ Hierfür haben er und sein Berufsverband ein Positionspapier entwickelt. Daraus einige Punkte:

Diskussionsrunde auf dem Tierärztekongress: Berufsstand zwischen Industrie, Politik und Landwirtschaft

–       Das Tierwohl ist unabhängig von der Betriebsgröße. Auch in großen Beständen – egal ob 100 oder 10.000 Tiere – leben sie in Gruppen und Zusammenhängen, die „lebenswert“ sein können und müssen.

–       Um das garantieren zu können, müssen Tierhalter qualifiziert sein.

–       Die Tierärzte lehnen zootechnische Maßnahmen als Vorbeuge ab – nicht das Tier darf den Bedingungen angepasst werden, sondern umgekehrt müssen die Bedingungen an die Tierbedürfnisse angepasst werden.

–       Es müssen „Tierwohlindikatoren“ gefunden werden, anhand derer festgestellt werden kann, ob es dem Tier gut geht. Das muss nicht unbedingt deckungsgleich mit dem Bauchgefühl des Betrachters sein. Denn Schweine haben eine andere Vorstellung von Wohlbefinden als wir Menschen.

Der Weg der Umsetzung ist auch unter Tierärzten nicht unumstritten. War man sich noch vor zehn Jahren relativ einig, dass das nur im Zusammenhang mit dem sogenannten „Einzelhandel“ geht – mit Großunternehmen der Lebensmittel- und Tierbranchen also – fürchten einige selbständige Tierärzte heute deren Übermacht.

Tierärzte kontrollieren artgerechte Tierhaltung

Tierärztinnen auf dem "Erlebnis: Bauernhof mobil"

Der Tierärzteverband glaubt jedenfalls, dass eine Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft, Tierärzten und Industrie unumgänglich ist. Maßnahme vor Ort: „Bewusstseinserweiterung“ beim Verbraucher durch den „Erlebnis: Bauernhof mobil“. Allein an den ersten beiden Tagen in Mainz wurden 10.000 Besucher gezählt. An mehreren Ständen können sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene über Tierhaltung, den

Verbandspräsident Götz und McDonald's-Sprecher Berger: Mit tierärztlicher Kompetenz werben.

tierärztlichen Beruf und Landwirtschaft informieren. Wichtig ist den Ausstellern auch hier Regionalität. Mit von der Partie auch Mc Donald’s Deutschland. „Die Zusammenarbeit mit dem Einzelhandel haben wir uns immer gewünscht“, sagt Heiko Färber, Geschäftsführer des Bundesverbandes praktizierender Tierärzte. Mc Donald’s hat in den letzten Jahren einen enormen Imagewandel vollzogen. Früher wurde der Konzern mit der Vernichtung der Regenwälder gleichgesetzt. „Tatsächlich beziehen wir heute mehr als 90 Prozent unseres Rindfleischs  aus Deutschland, den Rest aus anderen europäischen Staaten!“, sagt Thomas Berger von McDonald’s Deutschland. Und man wolle weiter an Regionalität und Qualität arbeiten. Wie ernst es dem Konzern ist, sieht man an der aktuellen Kampagne, wo Produkte aus moderner Landwirtschaft Made in Germany beworben werden. Berger misst der Zusammenarbeit von Tierärzten und Landwirten eine wichtige Bedeutung bei. „Eine artgerechte Haltung ist uns bei McDonald’s besonders wichtig. Darum legen wir Wert darauf, dass die landwirtschaftlichen Betriebe regelmäßig durch Tierärzte kontrolliert werden.“

Färber ist zufrieden, denn Qualität und Tierwohl können nur umgesetzt werden, wenn es nicht um den letzten Cent geht. Und das auch nach außen dem Verbraucher vermittelt wird. Wie viel eine Diskussion letztlich bewirkt ist fraglich. Wichtig ist hingegen, dass sich das Bewusstsein hinsichtlich Tierschutz und dem Wert von Lebensmitteln schärft. Nicht nur bei Verbrauchern, sondern auch bei Landwirten und Tierärzten. Und dass die Kollegen Wege finden auch unbequeme Wahrheiten vor Ort anzusprechen und die „richtige“ Antwort auf die Frage, „Wer sind die Tierärzte“ finden.

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Henrik Hofmann

About Henrik Hofmann

Dr. Henrik Hofmann …. betreibt eine Kleintierpraxis in Butzbach/Hessen. Er ist spezialisiert auf Akupunktur und Schmerztherapie, seine Frau Daniela – ebenfalls Tierärztin – beschäftigt sich intensiv mit Zahnmedizin bei Kleintieren. Dr. Hofmanns spezielle Leidenschaften sind Schreiben und Fotografie. Einerseits auf diesem Blog, daneben aber auch für eine Reihe von Tierhalterzeitschriften und Tageszeitungen. Von ihm erschienene Bücher sind oben unter der Rubrik „Bücher“ beschrieben. www.tierundleben.de