Wer heilt, hat nicht automatisch recht

Alternative Heilmethoden haben längst den Sprung vom Außenseiterthema zur selbstverständlich angewandten Therapie geschafft. Und doch polarisieren sie: Sind Homöopathie und Akupunktur »lächerlicher Hokuspokus« für »Wundergläubige und Propheten« oder sinnvolle Ergänzung beweisorientierter Tiermedizin? Wer heilt, hat noch lange nicht automatisch auch Recht, war das Fazit einer Diskussion unter Tierärzten in Leipzig.

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Von Dr. Henrik Hofmann, VETimpulse

Verfahren wie Akupunktur oder Homöopathie werden auch bei Tieren eingesetzt. Dieser sogenannten Komplementärmedizin steht die Evidenz-basierte – also Beweis-orientierte – Medizin gegenüber, die sich auf wissenschaftliche Veröffentlichungen und klinische Studien an Patienten stützt. Alternative Heilmethoden setzen auf eine Einbeziehung des gesamten Lebensumfeldes des Patienten, auf die Erfahrung des Behandlers und wenden stets eine Therapie an, die individuell auf den einzelnen kranken Menschen oder das kranke Tier zugeschnitten ist. „Viele Wissenschaftler halten Erfolge der Komplementärmedizin jedoch für Spontanheilungen, die auch ohne jegliche Therapie eingetreten wären, oder für Placeboeffekte, die bei Mensch und Tier auftreten“, so Dr. Susanne Alldinger, Geschäftsführerin der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft.

Hälfte der Tierärzte nutzt Homöopathie

Großtierpraktiker Stefan Wesselmann ist 2. Vorsitzender der Gesellschaft für Ganzheitliche Tiermedizin (GGTM) und er hat recherchiert, das »immerhin 40 bis 60 Prozent der Tiermediziner in Deutschland Homöopathie einsetzen«. An erfolgreiche Behandlungen allein durch Placebowirkung, glaubt er nicht: »In Anlagen mit 30.000 Puten kann der Erfolg nicht am Streicheln über den Kopf liegen.« Er und von ihm betreute Landwirte vertrauen der Homöopathie als Einzeltherapie oder in Kombination mit der konventionellen Medizin. Als Indikationen nannte er beispielsweise Verhaltensprobleme und akute und chronische Erkrankungen. Der niederländische Virologe Profesor Marian Horzinek hingegen polarisierte mit der Bewertung »lächerlicher Hokuspokus«. Biologische Effekte wären bei der Homöopathie nicht nachweisbar. »Sie ist unwirksam und muss deshalb vom Tierarzt verweigert werden.« Die wissenschaftliche Gesellschaft der Veterinärmedizin müsse ein »unzweideutiges Bekenntnis zur wissenschaftlichen Methode abgeben … sonst wird der Kongress von den Protagonisten der alternativen Behandlungsmethoden als Legitimierung vereinnahmt«.Und er fragte: »Was heißt lang genug erprobt? Sind 5.000 Jahre lang genug, um die Astrologie zu beweisen? Oder 2.000 Jahre für das Christentum?«

Gottvertrauen reicht nicht

»Auf Gott vertrauen wir. Von allen anderen verlangen wir Zahlen«, brachte die Humanmedizinerin Professor Dr. Claudia Witt (Berlin) es mit einem Zitat des US-Statistikers Edwards Deming auf den Punkt. Unstrittig ist, dass die Wirksamkeit einer Therapie wissenschaftlich belegt werden muss; problematisch aber, wie dies geschehen soll. Gerade im Bereich komplementärer Heilverfahren fehlt es an Forschungsgeldern. Aber es würden – insbesondere in der Humanmedizin – auch immer wieder »eigene Forschungsmethoden« für die Komplementärmedizin gefordert. Dabei hängt ein Studiendesign nur sekundär von der Therapiemethode ab. Die »Schulmedizin« setzt auf strikte Spielregeln wie Verblindung und Placebogruppen. Und sie verschafft sich so gegenüber den Anhängern der Komplementärmedizin einen Evidenzvorsprung. Denn diese leiten viel zu oft aus Einzelerfahrungen die scheinbare Wirksamkeit ganzer Therapiesysteme ab.

Prinzipiell eigne sich die Nutztierhaltung sehr gut »für die Randomisierung kontrollierter Studien« und »doppeltblinde placebokontrollierte Studien«, glaubt Witt. In der Realität sieht sie alternative Heilmethoden wie beispielsweise Magnetfeldtherapie und Akupunktur aber nicht als eine Frage von »entweder – oder«, sondern als komplementäre, zusätzliche Angebote – deren Wirkmechanismen noch in entsprechenden Studien geklärt werden müssten. Für die Zukunft sei wichtig, Doktoranden zu qualifizieren, um auch auf diesem Gebiet nutzbringend forschen zu können.

Placeboeffekt bei Tieren

Mit Studienergebnissen widersprach Professor Dr. Wolfgang Löscher (Pharmakologe aus Hannover) der Behauptung, es gebe keinen Placeboeffekt in der Tiermedizin. Tiere reagierten sehr wohl auf jede Veränderung ihrer gewohnten Umgebung, oft sogar sehr viel empfindlicher als Menschen. »Bereits das Fixieren führt zu stressbedingten Veränderungen zahlreicher Transmitter-, Hormon- und Mediatorsysteme« und das könne Arzneimittelwirkungen deutlich beeinflussen. Auch Tierbesitzer und Tierarzt beeinflussten die Tiere und damit die Resultate. Selbst Therapieerfolge könnten »eingebildet« sein – durch Spontanheilung, Zufall oder subjektive Wahrnehmungen.

Als Beispiel schilderte Löscher einen Versuchsaufbau, bei dem 400 Sauen prophylaktisch gegen MMA mit Lachesis, einer subtherapeutischen Dosis Antibiotika und Placebo behandelt wurden – mit den gleichen Erfolgen. Nur: Ohne Placebo hätte man im Ergebnis Lachesis und Antibiose wohl als gleich wirksam bewertet. Das Ergebnis des Placebo, lasse den Versuch aber in einem anderen Licht erscheinen.

Der Spruch, »wer heilt, hat recht« sei also derart vereinfacht falsch. Löscher zog aus einem anderen Versuch, in dem Placebos bis zu 80 Prozent der Tiere positiv beeinflussen konnten, einen interessanten Schluss: »Wir sollten Placebos bewusst therapeutisch nutzen«. In diesem Zusammenhang steht auch das Ergebnis einer »Scheinakupunktur-Studie«: Für einige Indikationen wurden klassische Akupunktur, Nadeln willkürlicher Punkte und konventionelle Standardtherapie verglichen. Das Ergebnis überraschte: Beide Nadeltherapien waren der Standardtherapie überlegen, die gezielte Akupunktur aber nur im Falle der Kniearthose besser als die »Scheinakupunktur«.

„Fortschritt entsteht durch die institutionalisierte Skepsis“, schloss Horzinek. Und brachte damit das Ergebnis auf den Punkt. Dass komplementärverfahren helfen, wissen die meisten Kollegen aus Erfahrung. Doch wird noch ein Stück weit Arbeit nötig sein, bis zumindest einige Verfahren in die „Wissenschaftsmedizin“ eingegliedert werden können.

Als bedauerlich empfinden viele Tiermediziner, dass Grundlagen an den Universitäten zu wenig erforscht, gelehrt und diskutiert werden. Und und sei es, Studenten zumindest die Grundlagen zu vermitteln, um im Beruf eine Orientierung zu haben. Und an dieser Stelle warnten praktizierende Tierärzte „die Jugend“ vor Horzineks Ansichten…..

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Henrik Hofmann

About Henrik Hofmann

Dr. Henrik Hofmann …. betreibt eine Kleintierpraxis in Butzbach/Hessen. Er ist spezialisiert auf Akupunktur und Schmerztherapie, seine Frau Daniela – ebenfalls Tierärztin – beschäftigt sich intensiv mit Zahnmedizin bei Kleintieren. Dr. Hofmanns spezielle Leidenschaften sind Schreiben und Fotografie. Einerseits auf diesem Blog, daneben aber auch für eine Reihe von Tierhalterzeitschriften und Tageszeitungen. Von ihm erschienene Bücher sind oben unter der Rubrik „Bücher“ beschrieben. www.tierundleben.de