Wenn Freunde alt werden

„Ich habe ein Wunschthema“, sagte Britta. „Schreib mal was über alte Katzen! Es ist mit ihnen ein bisschen wie mit alten Menschen – irgendwie traurig, aber sie sind ja auch echtdrollig, wenn sie alt werden. Die Katzen jedenfalls.“ „Stimmt“, meinte Henrik lachend. Er kann ein Lied davon singen, kommen doch seine eigenen Tiere zur Zeit merklich in die Jahre.

Ein Gastbeitrag von Dorothe Lindemann aus Butzbach

Ich mache jetzt einfach den Anfang – und erzähle von meinen eigenen Tieren. Und Freunden.

Nehmen wir unsere Katze, die wir auf einem süditalienischen Campingplatz aufgesammelt haben vor 10 Jahren – ein kläglich mauzendes, dürres, entzückendes Häufchen Katze: „Ist die süß“ entfuhr es Henrik, als er sie gleich nach unserer Ankunft untersuchte. Die kleine Süditalienerin ließ sich alles gefallen und willig untersuchen. Sie hatte schließlich auch 2000 km oder besser 1600 km Autofahrt klaglos überstanden (über die ersten 400 km schweigen wir; ich wollte schon nach 4 km umdrehen und sie wieder zurückbringen). „Und noch nie habe ich so einen gesunden Findling auf dem Untersuchungstisch gehabt. Alles prima, auch die Würmer.“ Grinsend drückte er uns Wurmtabletten in die Hand; ein paar Impfungen gab es auch gleich. Wir waren zufrieden und auch stolz: Unser Findelkind erregte überall helles Entzücken, sogar bei Vanessa, unserer Mieterin mit Katzenhaar-Allergie.

Heute fallen die Reaktionen etwas anders aus. „Ist das Eure Katze? Ist die launisch! Und dick! Wie alt ist sie denn?“ Immer rechne ich kurz nach, was denkbar einfach ist, weil wir Nerina im Jahr 2000 adoptiert haben. „Zehn“, sage ich dann (zum Beispiel), „naja, sie  ist ein bisschen eigen. Und so dick ist sie doch  gar nicht.“ „Na schau doch, sie hat schon einen  richtigen Hängebauch. Aber das ist natürlich in  dem Alter so.“ Ich schiele insgeheim auf meinen  eigenen Hängebauch und den Schwabbel an den  Armen und dazu seit neuestem ein „Knittern“ am  Arm… Das ist in dem Alter so.

Es ist „Frauchen“ durchaus möglich, gegen die eigenen Alterserscheinungen etwas zu unternehmen. Ein klein wenig „Sport“ (früher nannte man es Gymnastik), kontrolliertes Essen und vor allem Trinken (bzw. Nicht-Trinken) bringt nicht alles, aber vieles wieder etwas in Form. Unsere Felltiere müssen sich nun mit Falten und Orangenhaut nicht rumschlagen, „Jahresringe“ scheinen allerdings auch sie anzulegen. Es ist jedoch Menschen mit empfindlichem Nervenkostüm nur schwer möglich, gegen diese bei Stubentigern ernsthaft etwas zu unternehmen. Meine Katze liegt gern auf meinem Minitrampolin – aber springen? Gut, neulich kletterte sie wieder auf unseren riesigen Kastanienbaum – das hat sie seit Jahren nicht mehr getan, und sie ist sogar hinaufgekommen trotz ihres Gewichts, worauf sowohl meinem Mann als auch mir ein erstauntes „Schau doch mal, die Dicke“ entfuhr (wir schämten uns dann ein bisschen, unsere Katze ist ja nicht dick – nicht wirklich – vielleicht ein bisschen dick angezogen…). Ja, aber zu mehr Bewegung lässt sie sich nur hinreißen, wenn es ihr in den Sinn kommt. Im Sommer z.B. ist sie ausgesprochen unternehmungslustig, bleibt sogar ziemlich lange draußen; im Winter dagegen schläft sie 22 von 24 Stunden. Ich finde das beneidenswert vernünftig, es war aber schon immer so. Deshalb war unsere Mieze auch schon immer im Sommer dünner als im Winter: als kleine Katze und als – nein nicht alte, sondern als große Katze.  Ich kann sie nicht durch den Garten jagen, um ihr mehr Bewegung zu verschaffen, und ich halte es einfach nicht durch, sie auf Diät zu setzen. Schlafen, essen, rennen, freundlich-schmusig oder distanziert-launisch sein: Das alles lag schon immer allein in der Verfügungshoheit meiner kleinen Schwarzen. In dieser Hinsicht ist sie alterslos.

Bei Pferden ist das anders.

Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich mein Pferd zum ersten Mal sah. Dani und Henrik waren mit den Pferden zum Kaffeebesuch gekommen und hatten sie bei unserer Nachbarin Jutta auf die Koppel gestellt. Fünf Wochen später ritt ich dann zum ersten Mal alleine aus mit  m e i n e m  Pferd, mit Fernet. Leichtfüßig trabte er über die Wiesen, jeder Zoll war gespannte Energie, dabei immer zu händeln – und ich fühlte mich wieAschenbrödel in den „Drei Nüssen“, naja gut, es war Sommer. 30 Jahre hatte ich mir sehnlichst ein eigenes Pferd gewünscht und jetzt, mit 35, hatte ich tatsächlich eines geschenkt bekommen von meinem Liebsten, dem besten Ehemann auf Erden. Und was für ein Pferd – ein Bild von einem Pferd! Nüchtern betrachtet war es wahrscheinlich eine ziemlich gruselige Reiterei, die wir da zeigten, eine Anfängerin auf einem nicht zum Reiten ausgebildetem jungen Pferd. Die Bilder von damals zeigen mir ein Pferd, das weit entfernt ist von dem, das ich heute anschaue. Mein Traber war damals zwar „schon“ 6, doch er hatte noch einen Gesichtsausdruck wie ein Fohlen. Heute ist er sichtlich erwachsen geworden, alt: Er ist doch „erst“ 18, meinen die Leute, aber ich weiß es seit letztem Sommer: Fernet ist alt geworden. Das zeigen mir nicht nur die weißen Haare, die nun überall kommen: im Gesicht vor allem, an der Mähne und am Schweif; das zeigt mir auch eine zunehmende Kurzatmigkeit und Müdigkeit, die nicht nur den „Jahresringen“ geschuldet ist. Früher konnte der Ritt nie lang genug sein; nach dem Winter musste ich immer den erstmöglichen Distanzritt gehen, damit mein ehemaliges Leistungssportpferd sich den Winter aus dem Leib rennen konnte. Und am anderen Tag schaute er einen dann an und fragte nach Frauchens Einbildung ‚Und wohin laufen wir heute?‘ (Für nicht Eingeweihte: „am Tag danach“ muss auch geritten werden, damit der Muskelkater des Pferdes vergeht, und also erhebt Frauchen sich ächzend mitwundgerittenem Werweißwasalles und überwindet wieder einmal erfolgreich den inneren Schweinehund). Bewegung und Geschwindigkeit sind das schönste für mein Pferd; das ist heute noch so auf der Koppel: Kumpels jagen, bis sie nicht mehr können, mit Leichtigkeit durchstarten und sie hinter sich lassen  – da lacht er heute noch alle aus. Beim Reiten ist es anders geworden. ‚Da geht’s heim‘, sagt er bei jeder Weggabelung (mein Pferd ist überall ein wandelnder Kompass). Oder: ‚Der Berg ist mir zu steil‘ – dann schlägt er die andere Richtung ein. Selbst Galoppstrecken steuert er nicht mehr zielsicher an. Wenn ich ihn dann trotzdem weiter treibe, dann läuft er willig, man spürt seine unbedingte Bewegungsfreude, doch: Er hält nicht mehr durch. Ich Natwest interest merke das immer früher, als er es zugeben will. Dann pariere ich durch, steige ab und tue so, als ob ich mir die Beine vertreten müsse. Und neben mir geht, atemlos, mit gesenktem Kopf und müdem Gesichtsausdruck  mein stolzer Traber, mein Rehlein.

Es ist nicht leicht, Freunde alt werden zu sehen. Sie altern schneller als wir, sie altern auch eine lange Zeit „unmerklich“, so dass man leicht vergisst, wie alt sie tatsächlich sind. Es mehren sich  Situationen, die uns zeigen, dass das Zusammensein endlich ist; daneben aber gibt es auch diese besonderen Augenblicke im Wortsinn: Wo sie wieder, ganz die ‚alten‘, die Kumpels über die Koppel jagen mit wehendem Schweif  und im leichtem Galopp und nach vollbrachter Tat triumphierend vor uns stehen – oder eben vom Kastanienbaum runtergrinsen.

Und das ist es, was bleibt.

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Henrik Hofmann

About Henrik Hofmann

Dr. Henrik Hofmann …. betreibt eine Kleintierpraxis in Butzbach/Hessen. Er ist spezialisiert auf Akupunktur und Schmerztherapie, seine Frau Daniela – ebenfalls Tierärztin – beschäftigt sich intensiv mit Zahnmedizin bei Kleintieren. Dr. Hofmanns spezielle Leidenschaften sind Schreiben und Fotografie. Einerseits auf diesem Blog, daneben aber auch für eine Reihe von Tierhalterzeitschriften und Tageszeitungen. Von ihm erschienene Bücher sind oben unter der Rubrik „Bücher“ beschrieben. www.tierundleben.de