Von Bomben und Boxern

Wer nach dem Krieg keine Beziehungen aufs Land hatte kam auf „naheliegende“ Einfälle. Oder musste hungern. In Chemnitz erlebte ich schwere Bombenangriffe und große Not.

Ein Gastbeitrag von Winfried Hofmann, Gießen

Mit dem Älterwerden kommen immer mehr Erinnerungen an Jugend und Kindheit hoch. Ein Wort, ein Satz genügen und vergessene Bilder und Erlebnisse erstehen vor dem inneren Auge wieder auf. Mein Enkel hat einen alten etwas pummeligen Boxer. Ich streichelte ihn beim Mittagessen, es gab Rindfleisch mit Gemüse, und ich sah mich plötzlich in meine Kindheit zurück versetzt. Die Ernährungslage in Chemnitz war in den ersten Monaten und Jahren nach dem Krieg katastrophal. Die monatlichen Lebensmittelkarten reichten jeweils gerade mal für die ersten zehn Tage. Und wer keine Beziehungen aufs Land hatte, der mußte hungern. Meine Mutter hat Teppiche, Anzugstoffe und Schmuck beim sogenannten „Hamstern“ aufs Land gebracht und „als Bezahlung“ ein bis zwei Wochen für ein Säckchen Kartoffeln, eine Tüte Mehl und ein Stück Speck bei der Ernte geholfen.

Vor meinen Augen taucht auf, wie wir die Versorgungsdepots der deutschen Wehrmacht im Mai 1945 stürmten und plünderten und das Entsetzen, als kurz darauf die russischen Kampftruppen mit Pferd und Wagen in die Stadt einzogen. Die Hilfeschreie der vergewaltigten Frauen in der Nachbarschaft habe ich noch heute Natwest standard variable rate in den Ohren. Im Gegensatz stand übrigens die überaus kinderfreundliche Haltung der russischen Landser – egal ob wir mit der Blechkanne unter dem Zaun der Kaserne hindurchkrochen und erfolgreich Essen aus der Gulaschkanone erbettelten oder aus den in den Hinterhöfen abgestellten Panjewagen Brot (Chleba) oder Tabak klauten.

Meine großen Schulferien verbrachte ich meist bei der Schwester meiner Mutter und ihrem Mann in Delitzsch nördlich von Leipzig. Hier lernte ich schwimmen und die (noch) private großbäuerliche Landwirtschaft kennen, was sicherlich meine spätere Berufswahl – Rindertierarzt – beeinflußt hat. Der Onkel war ein wenig verschroben, er war Geschäftsführer  und Betriebsleiter eines metallverarbeitenden Betriebes. Ein großer Teil der Tätigkeit seiner Firma war die Reparatur von Landmaschinen. Diese Nähe zur Landwirtschaft war ertrag- und segensreich. Onkel und Tante wohnten in einem schönen großen Haus mit einem riesigen Gartenareal. Die Tante hielt allerlei Getier, vor allem Enten, Hühner und Puten und sie kochte vorzüglich. Herz, was wollte ich mehr!

Und hier ereignete sich auch die folgende Geschichte:

Eines Tages erzählte die Tante, daß ihr eine Bekannte eine Keule von der Ziege geschenkt habe, die sie am nächsten Tag zubereiten würde. Der Onkel verbat sich das zunächst, kapitulierte aber bald. Dennoch: Mitessen wollte er lieber nicht. Die Ziege schmeckte vorzüglich, natürlich mit grünen Klößen und Rotkraut. Und alles war sehr reichlich. Einige Zeit später nahm mich die Tante zur Seite und kam auf das köstliche Essen zu sprechen. „Weißt Du noch, was wir damals gegessen haben ?“ fragte sie. „No klor, Ziesche“ antwortete ich. „Nein“, sagte sie. „Es war Hundefleisch!“ Mich ließ diese Offenbarung damals ziemlich kalt. Die Tante fuhr fort: „Ich traf kürzlich die großzügige Spenderin und sie fragte: Na, wie hat Ihnen unser Bello geschmeckt? Wieso, hab ich zurückgefragt.  Na, wir trafen uns einmal, als ich unseren kräftigen, gut genährten Boxer ausführte, und sie sagten: Na Bello, wenn Du mal geschlachtet wirst, möchte ich einen Schenkel von Dir haben.“ Dieser Bitte war die Frau bei erster Gelegenheit nachgekommen. Die Tante hatte das natürlich erst mal für einen Scherz gehalten. Nicht so die Bekannte. Dennoch mußte ich versprechen, lebenslang dem Onkel nichts davon zu erzählen, denn er hätte auch viele Jahre später noch das gesamte Kochgeschirr auf den Müll bringen lassen. Ich versprach es und hielt mein Versprechen.

Wenn ich heute den dicken Boxer streichle, kann ichs selbst kaum glauben.

Erlaubt war die Hundeschlachtung in Deutschland übrigens bis 1986. Der letzte Hund wurde, in Sachsen bereits verboten, in Baden–Württemberg geschlachtet.


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Henrik Hofmann

About Henrik Hofmann

Dr. Henrik Hofmann …. betreibt eine Kleintierpraxis in Butzbach/Hessen. Er ist spezialisiert auf Akupunktur und Schmerztherapie, seine Frau Daniela – ebenfalls Tierärztin – beschäftigt sich intensiv mit Zahnmedizin bei Kleintieren. Dr. Hofmanns spezielle Leidenschaften sind Schreiben und Fotografie. Einerseits auf diesem Blog, daneben aber auch für eine Reihe von Tierhalterzeitschriften und Tageszeitungen. Von ihm erschienene Bücher sind oben unter der Rubrik „Bücher“ beschrieben. www.tierundleben.de