„Sie sind doch der Tierarzt, oder?“

»Geh in Deckung!«, sagt Annette zu mir und ich ziehe den Kopf ein. Annette ist Juristin und wir sitzen auf einer schicken Party in Wiesbaden und plaudern mit einer Sängerin über die Oper. »Jetzt nicht umdrehen,« zischt sie, doch es ist zu spät. Eine Frau mit Hund nähert sich mir glücklich strahlend. Ihr Hund trägt einen Halskragen. »Ach, wie gut, dass ich sie treffe,« sagt die Frau, die ich nie zuvor gesehen habe. »Die Gastgeberin hat mir schon vorgestern am Telefon gesagt, dass sie kommen – sie sind doch der Tierarzt?«

Eine Geschichte aus meinem Praxisalltag – und aus meinem Buch „Mopsgeflüster“

Ich schaue vielsagend Annette und die Sängerin an. Ich war zu ihnen geflüchtet. Wir hatten uns bis dahin nicht gekannt, doch irgendwie sahen sie aus, als ob sie keine Tiere hätten und ich hatte mich zu ihnen gesetzt, war geflohen von meinem vorherigen Platz.

Da hatte ich mich zunächst zu meiner linken ganz nett über den schlechten Wein unterhalten, bis man mich als Tierarzt geoutet hatte. »Ach, da hätte ich mal eine Frage. Ich habe eine deutsche Dogge aus dem Tierheim geholt, die beißt irgendwie immer meinen Mann. Wenn die jetzt aber ein Kind beißen würde ….«

»Sie sind Tierarzt? Wie interessant, das wollte ich auch immer werden! Woran

"Mopsgeflüster" von Henrik Hofmann ISBN 9783940254009

„Mopsgeflüster“ von Henrik Hofmann ISBN 9783940254009

könnte das eigentlich liegen, dass das Mehrschweinchen meiner Nichte…..« Entnervt wandte ich mich den Gästen zu meiner rechten zu. »Entschuldigen sie, ich habe gerade mitbekommen …….. wissen sie mein Pferd, das hat ja schon seit Monaten … und da waren auch schon einige ihrer Kollegen dran, aber….« Verzweifelt stand ich auf, »ich hol mir nur schnell was zu trinken« und ging zu meiner Frau. Sie war in einem Gespräch über die Behandlungsratschläge, die wohl in der letzten Cavallo aufgeführt waren verstrickt. Sie diskutierten über »Endobionten« (was zum Teufel sind Endobionten?) und wie man sie wohl behandeln könne. Ich tat einfach, als ob ich sie nicht kannte und schlich weiter. Bis ich Anette sah. Wahrscheinlich zog mich die völlige Hunde- und Katzenhaarfreiheit ihres schwarzen Kleides an.

»Weißt du«, sage ich, »manchmal halte ich das kaum aus. Wo ich bin, wen ich treffe, ich bin der Tierarzt. Manche kennen noch nicht mal meinen Namen. Das ist grauenvoll! Den ganzen Tag gearbeitet und dann sollst du abends auf einer Party noch kostenlose Ratschläge verteilen.«

Annette schaut mich wissend an. »Glaub nicht, dass das nur dir so geht. Ich bin Anwältin und mich kennen auf diesen Partys noch die meisten. Neulich habe ich aber was erlebt, das war schon stark. Ich hatte mich mit einer Bekannten zum Biertrinken verabredet und wir saßen in einer Kneipe und hatten uns was bestellt. Plötzlich fängt sie an, sie hätte da mal eine Frage und berichtet von einem Rechtsstreit mit ihrem Arbeitgeber. Ich wollte da nicht blöd tun und sagte ganz diplomatisch, da müsse man mal bei Gelegenheit die Akten einsehen, das sind ja schließlich komplizierte juristische Vorgänge und so weiter. Da bückt sie sich, holt unter dem Tresen einen dicken Leitzordner hervor und sagt, sie habe zufällig die Akten gerade dabei…! Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte.«

Mittlerweile hatte sich Elfi, die Sängerin zu uns gesellt und interessiert zugehört. »Ich habe ja Arzthelferin gelernt. Und bei meinem Chef war das genau so. Der hat immer gesagt, mit Kunden könne man nicht befreundet sein. Wenn der irgendwo in seiner Freizeit von Patienten auf irgend ein Wehwehchen angesprochen wurde, rief er mich morgens zu sich, gab mir den Namen und ließ mich die Karte raussuchen. »Beratung im Notdienst« oder so ähnlich hieß das dann.« Das fand ich doch gleich interessant. Meiner Frau geht das auch immer beim Reiten so. Da kommen vor allem Nicht-Kundinnen und wollen, dass sie »nur mal kuckt«, ob der behandelnde Kollege das auch richtig macht. »Und wenn die Leute keine  Patienten von ihm waren?«, wollte ich von Elfi wissen. »Da hat er einfach gefragt, ob sie das Krankenkärtchen dabeihätten. Und wenn sie verneinten, ging er weg….«

»Ja, ich bin Tierarzt«, sage ich zu der Frau mit dem Hund, der einen Halskragen trägt.

»Vor drei Tagen«, berichtet sie, »wurde mein Hund von einem ihrer Kollegen kastriert. Kann es sein, dass er vergessen hat, die Hoden rauszunehmen – oder macht man das so …?«

Ich schaue sie an und es liegt mir auf der Zunge zu fragen, ob sie bar bezahlen will, oder ob ich eine Rechnung schicken soll. Aber denke dann, dass es doch eigentlich schön ist, gebraucht zu werden und antworte: »Wahrscheinlich hat der Kollege Glasaugen aus der Humanmedizin implantiert. Das macht man heute so. Erstens sehen die Rüden damit nicht so hilflos aus und zweitens können sie dann beim Häufchenmachen sehen, ob sie Würmer haben.«

»Ach«, sagt die Frau, »da dank ich aber schön für die Auskunft«, und geht zum nächsten Tisch.

Und Elfi meint, »es ist schon herrlich, wenn man einen Beruf hat, der einem das Gefühl gibt, gebraucht zu werden…!«

Be Sociable, Share!
Henrik Hofmann

About Henrik Hofmann

Dr. Henrik Hofmann …. betreibt eine Kleintierpraxis in Butzbach/Hessen. Er ist spezialisiert auf Akupunktur und Schmerztherapie, seine Frau Daniela – ebenfalls Tierärztin – beschäftigt sich intensiv mit Zahnmedizin bei Kleintieren. Dr. Hofmanns spezielle Leidenschaften sind Schreiben und Fotografie. Einerseits auf diesem Blog, daneben aber auch für eine Reihe von Tierhalterzeitschriften und Tageszeitungen. Von ihm erschienene Bücher sind oben unter der Rubrik „Bücher“ beschrieben. www.tierundleben.de