Raubmilben vom Händler

Von Dr. Henrik Hofmann

Jahrelang kannten wir in unserer Praxis Raubmilben nur aus dem Lehrbuch. Nun traten die Milben gleich bei mehreren Hunden auf. Und ihren Besitzern.

Als ein junges Paar mit ihrem sieben Wochen alten Welpen in unserem Wartezimmer saß, war wie immer die Freude groß. Alle anderen Patientenbesitzer stürzten sich auf den Kleinen und ließen ihre Hunde an ihm schnuppern und zum Spielen auffordern. Der Welpe stammte von einem »Züchter« aus einer größeren Stadt in Südhessen. Der Verkäufer hatte den frischgebackenen Hundebesitzern geraten, den Hund gleich impfen zu lassen. Kleines Problemchen am Rande: Der Welpe juckte und kratze sich den ganzen Tag. Danach sollten die beiden auch gleich mal noch schauen lassen, „das kann nichts Schlimmes sein“.

Unsere erste Vermutung waren natürlich Flöhe, doch Flohkot fanden wir nicht. Vielmehr aber ein extrem schuppiges Fell. Ein Tesafilm-Präparat brachte zunächst nichts, ein oberflächliches Hautgeschabsel förderte dagegen die Wahrheit ans Licht: Milbenbefall! Ein Vergleich mit dem Hautbuch zeigte, dass es sich um Cheyletiella handelte, Raubmilben, die wir seit vielen Jahren nicht mehr in unserer Praxis gesehen hatten. Durch den Einsatz moderner Antiparasitika wähnten wir sie längst als „ausgestorben“. Wenige Tage später kam eine weitere Welpenbesitzerin. Sie wünschte eine Flohbehandlung. »Ich bin am ganzen Körper verstochen, der Hund hat Flöhe!« Sie schob die Ärmel hoch und zeigte zerstochene Arme und Armbeugen, dann ihre zerstochenen Füße. Auch dieser Welpe stammte aus Südhessen und obwohl wir recht weit von dort entfernt wohnen, kamen in den folgenden Tagen weitere Welpen, vermutlich vom gleichen »Züchter«. Und auch diese mit Raubmilben!

Cheyletiellen sind vor allem ein Problem in Einrichtungen, die hohen Tierbesatz und häufig wechselnde Individuen haben. Kein Wunder also, dass sie auch von Hundehändlern verbreitet werden können. Sie sind hoch ansteckend und werden durch direkten Kontakt von Tier zu Tier übertragen, Infektionen sind aber auch durch verseuchtes Umfeld möglich.

Nachweis über Kotproben

Die relativ große Milbe mit den sichelförmigen Klauen lebt an der Hautoberfläche zwischen den Haaren. Sie sticht ihren Wirt und ernährt sich von Gewebeflüssigkeit. Ein erwachsenes Weibchen kann in der Umgebung ohne Nahrung bis zu zehn Tage lang überleben. Der Nachweis ist nicht immer einfach. Er kann nach kräftigem Ausbürsten des Fells durch ein Tesafilm-Präparat gelingen. Besser geeignet ist das oberflächliche Geschabsel. Raubmilben können unterschiedlich starken Juckreiz hervorrufen. Die Stärke der Reaktion erklärt sich durch das Ausmaß der allergischen Reaktion gegen die Milben oder ihre Sekrete und ist individuell ganz unterschiedlich. Als Reaktion auf den Juckreiz belecken sich die Tiere. Daher kann man Cheyletiellen nicht selten in Kotproben nachweisen. Die Behandlung erfolgt mit handelsüblichen Antiparasitika wöchentlich über einen Monat. Obwohl die Milben nur begrenzte Zeit in der Umgebung überlebensfähig sind, sollte auch wegen einer möglichen Ansteckung der Besitzer eine Umgebungsdesinfektion durchgeführt werden. Hierzu sind Körbe, Bürsten, Kämme usw. Mit Insektiziden zu behandeln und waschbare Decken und Kissen mit Temperaturen von über 55 Grad Celsius zu waschen. Und Vorsicht: Befallene Tiere können asymptomatische Natwest per Träger sein – in diesem Fall leben Milben auf ihnen, die Hunde zeigen aber weder Juckreiz noch Hautveränderungen!

Als unsere zerstochene Kundin sich verabschiedete, rieten wir den Hautarzt aufzusuchen. Das tat sie denn auch und nach einer ausführlichen Mibenbehandlung heilten ihre Verletzungen ab.

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Henrik Hofmann

About Henrik Hofmann

Dr. Henrik Hofmann …. betreibt eine Kleintierpraxis in Butzbach/Hessen. Er ist spezialisiert auf Akupunktur und Schmerztherapie, seine Frau Daniela – ebenfalls Tierärztin – beschäftigt sich intensiv mit Zahnmedizin bei Kleintieren. Dr. Hofmanns spezielle Leidenschaften sind Schreiben und Fotografie. Einerseits auf diesem Blog, daneben aber auch für eine Reihe von Tierhalterzeitschriften und Tageszeitungen. Von ihm erschienene Bücher sind oben unter der Rubrik „Bücher“ beschrieben. www.tierundleben.de