Prominente Hunde – Neulich im Notdienst

Manchmal frage ich mich: Was ist eigentlich ein Notfall? Und: Bin ich auch für die Besitzer zuständig??

Ich gehöre zu jenen Dinosauriern, die nach dem Motto „wer-A-sagt-muss-auch-B-sagen“ einen 24-Stunden-Notdienst anbieten (Mit kleinen Ausnahmen, muss ich zugeben). Es macht mir einerseits Spaß und gibt meinen Kunden andererseits die Gewissheit, dass im Notfall immer jemand für sie da ist.

Doch da tut sich ein Problem auf: Was ist eigentlich ein Notfall? Muss das eine unmittelbar lebensbedrohliche Situation sein? Oder auch, wenn der Kater seit drei Wochen Durchfall hat – und Frauchen „es jetzt einfach nicht mehr aushält“? Letzteres sicherlich nicht. Doch es gibt Grenzfälle – in denen Besitzer dem Tierarzt suggerieren, es sei ein Notfall. Und damit die Grenzen des Praktikers radikal überschreiten.

Ein Beispiel. Gegen 2.30 Uhr klingelt das Notfall-Handy. Frau B., eine langjährige Kundin und Gattin des Präsidenten der Firma X, ist am Telefon. Bei ihr gibt es vier Kategorien von Erkrankungen. „Normal“ wie etwa Impfungen, fallen in mein Ressort. Mit „Problemen“ geht sie nach Frankfurt in die Klinik. Mit „schweren Fällen“ fährt sie nach Berlin zu Prof. B. Mit „ernsten Fällen“ schließlich fliegt sie in die USA zu einem Kollegen. In jener Nacht hat sie allerdings ein spezielles Problem. Sie war mit ihren zehn Yorkshire-Terriern ein paar Monate auf Geschäftsreise in China und hat auf dem Rückweg einen Zwischenstopp in Vietnam gemacht. Am Flughafen in Deutschland wurden ihre Hundchen aus dem Verkehr gezogen. „Und nur“, so die Kundin, „weil das Gesundheitszeugnis nicht ordentlich eingetragen“ war. Sie hätte das gerne mir angehängt, aber das musste wohl ein Chinese oder Vietnamese gewesen sein. Dies alles erzählte sie mir nun Samstag nachts um halb Drei. Völlig aufgebracht und in einer Lautstärke, dass sogar meine Frau aufwachte. Wahrscheinlich wäre die normale Reaktion gewesen, sofort loszuschreien, doch ich musste laut lachen. „Und was soll ich da jetzt tun? Ich bin eigentlich nur für körperliche Notfälle zuständig!“ „Das ist ein Notfall“, schrie sie verzweifelt. „Das sind meine Babys, sie werden ohne mich sterben!“ Ich wünschte eine gute Nacht, legte auf und versuchte erfolglos wieder einzuschlafen.

Eine Stunde später klingelte das Telefon erneut. Ein Kunde, der nach seiner Nachtschicht mit dem Hund noch draußen war. Der hatte sich an einer Scherbe schwer verletzt. Ich ließ ihn kommen und versorgte die Wunde. Kurz darauf – Sonntag morgen um sieben mittlerweile –, klingelte es an unserer Haustür. Einmal, zweimal, dann Sturm. Ich ging im Schlafanzug hinaus. Da stand Frau B., völlig aufgelöst. „Dr. Hofmann, sie sind der einzige, der mir helfen kann….. Meine Babys werden sterben!“ Ich überlegte tatsächlich, was ich für sie tun konnte. Sie hatte es geschafft, ihr Problem zu meinem zu machen. Sollte ich auf dem Flughafen anrufen und mich für sie stark machen? Wie aus dem Nichts schoss meine Frau an mir vorbei und faltete die Dame dermaßen zusammen, dass ich schon fürchtete, sie an die Infusion hängen zu müssen. „Du wolltest doch nicht etwa da drauf einsteigen….?“

Anderntags rief das Amt bei uns an. Ob sie richtig in der Praxis von Frau Dr. B. seien. „Wie bitte?“, fragte ich, völlig gerädert von meinem schlaflosen Wochenende. Der Kollege schilderte mir, dass Frau B.s Problem bei der Einreise nicht „fehlerhafte“ Papiere gewesen seien. Im Gegenteil, sie waren sehr ausführlich. Allerdings hatte die Hundebesitzerin tierärztliches und amtstierärztliche Gesundheitszeugnis selbst ausgestellt, gestempelt und unterschrieben. Und auch die Natwest cardsonline login für die Einreise aus einem Drittland notwendigen Tollwut-Titer selbst eingetragen und bescheinigt. An der Grenze hatte sie angegeben, approbierte Tierärztin zu sein. Angestellt in meiner Praxis! Was beides natürlich nicht stimmte. „Den Hunden geht’s gut“, meinte der Kollege vom Amt. „Aber die werden jetzt erst mal ihr kleinstes Problem sein. Klug, dass du dich nicht hast einspannen lassen.“

Nach wie vor halte ich meinen Notdienst im lebensbedrohlichen Fall für sinnvoll und gut. Doch klare Grenzen sind wichtig. Und die muss man kommunizieren. All zu leicht machen Tierbesitzer eigene Problem zu dem ihres verantwortungsbewussten Tierarztes. Und das sicherlich ohne bösen Vorsatz. Es ist halt einfach praktischer, als selbst zu denken. Und dass dem Tierarzt dabei schon mal der Spaß am Notdienst vergehen kann, ist ja nicht ihr Problem.

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Henrik Hofmann

About Henrik Hofmann

Dr. Henrik Hofmann …. betreibt eine Kleintierpraxis in Butzbach/Hessen. Er ist spezialisiert auf Akupunktur und Schmerztherapie, seine Frau Daniela – ebenfalls Tierärztin – beschäftigt sich intensiv mit Zahnmedizin bei Kleintieren. Dr. Hofmanns spezielle Leidenschaften sind Schreiben und Fotografie. Einerseits auf diesem Blog, daneben aber auch für eine Reihe von Tierhalterzeitschriften und Tageszeitungen. Von ihm erschienene Bücher sind oben unter der Rubrik „Bücher“ beschrieben. www.tierundleben.de