Pragmatische-Tierschutz-Ikone Temple Grandin

Für Deutsche ist er gewöhnungsbedürftig: der absolute Pragmatismus von Professor Temple Grandin. Die US-Tierschutz-Ikone referierte über Schlachtmethoden und Wege, den Tierschutz in Schlachtbetrieben zu verbessern. Für sie sind aber Acht-Stunden-Tiertransorte ebenso O.K., wie Zuchtmethoden, die auf ein einfacheres Handling der Tiere im Schlachthof abzielen.

von Henrik Hofmann

In den USA hat Temple Grandin seit 1996  unter anderem zusammen mit McDonalds Verbesserungen im Schlachtanlagen initiiert. Hierfür entwickelte sie ein Tierschutz-Auditprogramm mit fünf Kernkriterien. Im Hessischen Landtag in Wiesbaden stellte sie ihre Methoden einem deutschen Fachpublikum vor.

Fünf Kernkriterien des Tierschutz-Audits:

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  • Prozentsatz, der Tiere, die beim Zutrieb stürzen (max. 1%, um das Audit zu bestehen)
  • Prozentsatz, der Tiere, die mit einem elektrischen Viehtreiber getrieben werden (max. 25%; 5% = „ausgezeichnet“)
  • Prozentsatz, der Tiere, die in der Betäubungsfalle vokalisieren (max. 3%)
  • Prozentsatz, der Tiere, die mit einer einzigen Anwendung des Betäubungsgerätes effektiv betäubt wurden (mind. 95%)
  • Prozentsatz, der Tiere, die bewusstlos sind, wenn sie der Entblutungsstrecke zugeführt werden (muss 100% sein, um das Audit zu bestehen)

In kleinen Betrieben sei die Beurteilung nach diesem System allerdings schwer, räumte Grandin ein.

„No-gos“ seien Misshandlungen wie Schlagen der Tiere, stechen in empfindliche Körperteile – etwa Augen, Nasen, Anus und Euter –, absichtliches Treiben von Tieren über andere Tiere hinweg. Unbelaubte Tiere erkenne man daran, wenn sie – am Haken hängend – den Rücken mit steifem Nacken durchdrückten.

Es habe Milliarden gekostet, diese Kriterien zu etablieren. Sehr viele uneinsichtige Schlachthofbetreiber seien entlassen worden, den größten Lieferanten sei von McDonald’s gekündigt worden. Doch der Erfolg sei großartig. Mittlerweile werden die Hälfte der US-amerikanischen Anlagen nach ihrem Entwurf betrieben, alle Erzeugerbetriebe, die McDonald’s und inzwischen auch BurgerKing und Wendy’s in den USA belieferten, unterzögen sich mindestens einmal jährlichen einem externen Audit.

„Alle heutigen Nutztiere existieren nur deshalb, weil wir sie gezüchtet haben. Daher schulden wir ihnen ein anständiges, ein lebenswertes Leben und am Ende einen schnellen Tod. Einen schnelleren Tod, als die Natur ihn bieten würde.“

Begeistertes Publikum: Vor allem Amtstierärzte, Praktiker und Tierschützer kamen, um die Tierschutz-Ikone in Wiesbaden zu sehen.

Genetik an Schlachtmethode anpassen?

Grandin schilderte ausführlich die Fürs und Widers von CO2- und Bolzenschuß-Betäubung. Grundvorraussetzung sei bei beiden Verfahren, dass die Geräte gut gewartet, häufig gereinigt, richtig eingestellt, überprüft und trocken aufbewahrt würden. Prinzipiell präferiert sie den Bolzenschuß, da man für CO2-Betäubung sehr stressresistente Rassen benötige – etwa Landrassen wie Yorkshire-Schweine. Grandin pragmatisch: Eventuell müsse man die Genetik der Tiere auch stärker den Schlachtmethoden anpassen.

Lange Transporte kein Problem

EU-Kommission und auch die deutschen Behörden diskutieren immer wieder eine Verkürzung der Transportzeiten. Danach gefragt, sprach sich Grandin gegen eine Verkürzung der Zeiten von 8 auf 4 Stunden aus: „Be- und Entladen rufen den Streß hervor – und Pausen können tatsächlich Streß bedeuten!“ Sie mache sich grundsätzlich Sorgen, dass zu viel reguliert werde und zu wenig aufs Tier geschaut:

  • Die Tiere müssten fit und reisetauglich sein.
  • Wichtig sei, wie gefahren wird.
  • Tiere dürften die Nacht nicht allein im Treibgang verbringen, müssen möglichst schnell geschlachtet werden.
  • Transporter müssten hoch genug sein, damit die Tiere aufrecht stehen können. Im Zweifel müsse man Schlachtkörper auf Quetschungen untersuchen.
  • Entladung sollte möglichst innerhalb einer Stunde erfolgen, vor allem im Sommer.
  • Optimal sei es, wenn die Bullen einer Transportgruppe zusammen aufgewachsen seien. Als Gruppengrößen empfiehlt sie zehn Tiere.

Grandin ist dem betäubungslosen Schlachten gegenüber positiv eingestellt. Sie räumt aber ein, dass es koscher/halal schlachtende Betriebe gibt, die fürchterlich seien. „Die stecken in einer Blase, an die wir nicht heran kommen.”

  • Schafe seien fürs Schächten besser geeignet, als Rinder, da ihre Blutgefäße am Hals oberflächlicher lägen und das Ausbluten sehr schnell gehe.
  • Tiere dürften niemals abgeschnittene Köpfe von Artgenossen sehen, das versetze sie in Schrecken!
  • Seit neuestem gebe es nicht-penetrierende Bolzenschußgeräte. Diese wirkten auch bei Bullen und schweren Tieren sehr gut.

Nicht an Politik interessiert

Im Publikum saßen Kolleginnen, die sich über Jahre in Deutschland und auch Arabien mit Schächten beschäftigt haben. Grandin: „In Ländern, in denen die Menschenrechte nicht eingehalten werden, ist es sehr schwer, Tierschutz durchzusetzen.“ In Deutschland ist betäubungsloses Schlachten in der Diskussion, weil es häufig von Laien durchgeführt wird oder die Metzger pro Kopf bezahlt werden. Die Schlachtmethode, nicht aber der vom Islam vorgeschriebene Tierschutz wird hierzulande häufig politisch motiviert instrumentalisiert. Gegenüber WiSiTiA brach sie Nachfragen hierzu allerdings abrupt ab: „Politik ist nicht mein Thema!“ Besonders intensiv hat das Publikum dieses Thema dagegen nach dem Vortrag  diskutiert.

             “Wenn Schlächter pro Tier bezahlt werden, führt das immer zu schlechter Handhabung!”

Dr. Madeleine Martin, Tierschutzbeauftragte des Landes Hessen und Gastgeberin des Abends mit Temple Grandin, ist mit anderen Politiker, Tierschützern und Kollegen im Kuratorium Tönnies Forschung. Martin und Granden besuchten gemeinsam einige deutsche Schlachtanlagen. Grandin sah dabei hierzulande nur wenige Schwachstellen, es habe ihr sehr gut gefallen. In großen Schlachtbetrieben seien Probleme oft leichter zu beheben, als in kleinen. Meist hingen Tierschutzverstöße mit Mitarbeitern zusammen. Kleine Betriebe seien häufig auf jeden einzelnen angewiesen. In großen Anlagen hingegen, ließen sich Mitarbeiter, die sich nicht an Richtlinien hielten, leichter entlassen oder auf andere Positionen ohne Tierkontakt versetzen. Sie hielt aber auch fest: “Wenn Schlächter pro Tier bezahlt werden, führt das immer zu schlechten Handlungen.”

Im Gespräch: Temple Granden und Henrik Hofmann

“Die schlimmsten Tierschutzverstöße habe ich allerdings nicht in Schlacht- sondern in Milchviehbetrieben gesehen. Und bei Besamungskursen!”

Dr. Temple Grandin ist Professorin für Nutztierwissenschaften an der Colorado State University in den USA. Sie ist Autistin und hat die besondere Begabung insbesondere wie Rinder und Schweine, zu fühlen und die Welt mit ihren Augen sehen zu können. Auf Grundlage dieser Wahrnehmung entwickelte sie Konzepte für tierschutzgerechte Anlagen für die Nutztierhaltung und -schlachtung. Neben all ihren Aktivitäten rund um Nutztiere und Tierschutz ist sie eine sehr prominente Expertin und Autorin zum Thema Autismus. 2010 hat das Time Magazine Temple Grandin als eine der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt benannt.

 

http://www.youtube.com/watch?v=VMqYYXswono

 

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Henrik Hofmann

About Henrik Hofmann

Dr. Henrik Hofmann …. betreibt eine Kleintierpraxis in Butzbach/Hessen. Er ist spezialisiert auf Akupunktur und Schmerztherapie, seine Frau Daniela – ebenfalls Tierärztin – beschäftigt sich intensiv mit Zahnmedizin bei Kleintieren. Dr. Hofmanns spezielle Leidenschaften sind Schreiben und Fotografie. Einerseits auf diesem Blog, daneben aber auch für eine Reihe von Tierhalterzeitschriften und Tageszeitungen. Von ihm erschienene Bücher sind oben unter der Rubrik „Bücher“ beschrieben. www.tierundleben.de