Durch einen Beißvorfall wechselte ich die Seite – vom distanzierten Tierarzt zum betroffenen Hundehalter. Die Wunden sind verheilt. Die Erfahrung bleibt.
Mit den Jahren setzt wohl bei den meisten Tierärzten eine gewisse Abstumpfung ein. »Verrohung« könnte man sagen. So bleibt man im Angesicht schlimmster Verletzungen gelassen, kann mit klarem Kopf handeln und entscheiden. Und das ist lebenswichtig – für den Patienten und auch den Tierarzt selber. Doch was ist, wenn es das eigene Tier erwischt und sich der Arzt in der Rolle des Patientenbesitzers wiederfindet?
Auf Hausbesuchen habe ich immer ein kleines dickes Hundchen dabei. »Daisy« ist 13 Jahre alt und aus dritter Hand. Sie kann »lesen und schreiben«, wie man so sagt. Immer bei Fuß und doch diskret im Hintergrund mit ihren eigenen Interessen beschäftigt. Am Mittwoch vor einer Tagung war ich abends noch schnell auf einem Hof. Wie immer kamen mir die Rottweiler der Besitzerin entgegen, sie begrüßten mich und »Daisy«. Wie immer in den letzten Zehn Jahren. Ich verschwand im Schlachthaus und widmete mich einem Bullen. Plötzlich hörte ich hinter mir ein Krähen.
Ein Huhn oder eine Katze, dachte ich und ging hinaus. Auf dem Boden lag schreiend mein Hund, die Rottweiler rissen ihr gerade das Vorderbein ab. Ich warf mich dazwischen und vertrieb diese “Bestien”. Das Bein lag übergeklappt auf dem Rücken, Knochen und Splitter und Fleisch und Blut. Ich schnappte »Daisy«, lief zum Auto, fuhr nach Hause.Warf die letzten Patienten hinaus, zischte Frau und Helferin an, das Röntgen fertig zu machen, schob eine Braunüle. Jagte Antibiotikum und Schmerzmittel in die Vene, schnell das Röntgenbild, dann Betäubung und Infusion.
Plötzlich nur noch Tierbesitzer
Ich selber operiere gerne und auch durchaus aufregende Sachen. Doch leider sind komplizierte Knochenoperationen nicht meine Baustelle und ich rief beim Chirurgen meines Vertrauens an. »Der ist auf einer Tagung in Baden-Baden. Wollen sie nicht in eine andere Klinik«, sagte die Nachtschwester zu mir. Ich überlegte eine Sekunde. In eine andere Klinik? An wen würde ich dort geraten? Es brauchte einen Fixateur, eine Versorgung des Bruches durch eine Spezialschiene, die aussen am Knochen angebracht wird, soviel war mir klar. Wem traute ich das zu? Ich wurde innerhalb von Sekunden böse. »V. ist der einzige Chirurg, dem ich vertraue – entweder er ruft mich sofort zurück, oder ihr habt morgen einen Feind!« Tatsächlich klingelte kurz darauf das Telefon. Er beruhigte mich, sagte, wir machen das morgen früh gleich um halb acht, und erklärte mir, in welchem Zustand er sich das Beinchen auf dem OP-Tisch wünschte. Ich reinigte, befeuchtete und versorgte also wunschgemäß. Setze mich schließlich mit Infusion, Bier und »Daisy« vor den Fernseher – und kollabierte. Mein Freund Wolfgang kam vorbei, trank etwas und ging wieder. Ich nahm nichts mehr wahr. »Das wird schon«, versuchte meine Frau mich zu beruhigen, »die Tiefensensibilität ist noch erhalten, der Kollege kriegt das morgen hin.« Es nahm mich furchtbar mit. Jede Art von Professionalität war von mir abgefallen. Ich war Tierbesitzer, Kunde und sonst gar nichts. Herr Doktor hatte die Seite gewechselt!
Nerv und Arterie unversehrt
»Daisy« hat einen unglaublichen Überlebenswillen. Ich wollte sie morgens in den Fußraum meines Wagens legen, doch sie weigerte sich, versuchte mit ihrem durchgebissenen Bein und halb sediert auf den Beifahrersitz zu klettern. Na gut, dachte ich, legte sie neben mich und fuhr im Schneckentempo nach Frankfurt. In der Klinik entschuldigte ich mich für meinen abendlichen Anruf. »Wenn es meiner gewesen wäre, hätte ich genauso reagiert«, sagte die Nachtschwester tröstlich lächelnd. Stunden später konnte ich mein Hundchen wieder abholen. Es sei fast alles stark geschädigt, aber wie durch ein Wunder Nerv und Arterie unversehrt. V. hatte einen neu entwickelten Fixateur externe angebaut, erklärte mir alles (von seinem Werk begeistert) auf dem Röntgenbild. »Hoffentlich wird die Entzündung nicht zu schlimm«, schränkte er ein. »Aber wird schon….« Ich nahm mein zitterndes »Daisy« auf den Arm und – ich sags nicht gerne – kämpfte mit den Tränen. Eine Woge der Dankbarkeit überkam mich.
Zu Hause erwartete mich bereits Wolfgang. »Ich hab mir gestern richtig Sorgen um dich gemacht. Sonst nimmst du alles so gelassen….« Und: »Vielleicht ganz gut für einen Tierarzt, wenn er mal die Perspektive wechselt und sieht, wie sich seine Kunden fühlen.« Jedem anderen hätte ich die Tür gezeigt. Aber bei ihm konnte ich’s zugeben: Wenn’s drauf ankommt, sind wir Tierärzte halt auch nur Herrchen oder Frauchen. Und müssen manchmal auf Verständnis, Können und Gelassenheit unseres Arztes vertrauen. Und sind froh, wenn er im Notfall für uns da ist.
P.S. Die OP ist jetzt ein Jahr her und das Beinchen sieht verdammt gut aus. Für das was war. Danke Volker!









Oh, Mann, ich kann dir echt nachfühlen, Henrik. Wie gut, dass Daisy wieder so wohlauf ist.
… war wirklich ein schreckliches Erlebnis …. aber es wird doch mehr, als man so denkt!
tolle geschichte!!
Eine Wahnsinns Geschichte und eine hervorragende Chirurgische Meisterleistung. Daisy kam mit dem ganzen Metall drinne wirklihc gut zurecht, ich weis noch wie sie letztes Jahr beim Grillen bei uns dabei war.
Toll dass Ihr so viel gutes am Tier Leistet!
Lg
Angi
Eine ergreifende Geschichte ebenso ergreifend aufgeschrieben. Für Tierbesitzer ist es sehr interessant zu lesen, wie ein Arzt fühlt. Nicht immer – und damit meine ich beide Seiten am Behandlungstisch – ist das Verständnis für den Gegenüber erkennbar.
Eine Geschichte die nachdenklich macht und demonstriert wie aus einem veritablen Fachmann in kürzester Zeit ein angsterfülltes Geschöpf wird, das irgendwo zwischen Hoffnung und Panik schwebt.
Bei den eigenen Tieren ist dann eben plötzlich die professionelle Härte und Distanziertheit auf einen Schlag weg und man wird zum einfachen “Patientenbesitzer” nur noch zusätzlich mit dem Nachteil, dass man Chancen und Risiken besser abschätzen kann und sich noch obendrein verrückt macht. Wobei das bei Hund und Katze noch fast jeder Tierbesitzer nachvollziehen kann, aber wenn man um ein Meerschweinchen bangt oder ein Kaninchen dann wird man fast schon ausgelacht, weil man die ja an fast jeder Straßenecke billig nachkaufen kann. Das ist fast noch schlimmer, weil einen da überhaupt keiner mehr ernst nimmt. Als ich mit meiner Meersau nach Gießen gefahren bin von der Eifel aus um in der Veterinäruniklinik eine Radiojodtherapie machen zu lassen, konnte ich von Glück sagen dass ich nicht von lieben Freunden in so eine hautenge weiße Jacke mit geschlossenen Ärmeln gepackt wurde………
Hallo Herr Hofmann,
ich las heute Ihren Bericht und ich finde es toll das Sie dies auch offen sagen , wie Sie sich gefuehlt haben.
Und vor allem freue ich mich das es Daysi wieder gut geht.
Denn es ist schoen zu Wissen das ein Arzt egal ob fuer Mensch oder Tier etwas Gefuehle zeigt.
Das macht Sie in meinen Augen Vertrauenswürdiger menschlicher als sie es schon sind.
Denn meine Erfahrung hat gezeigt das ein Tierarzt in erster Linie das Frauchen auch mit verarzten muss.
Wenn Luna leidet, erfuehle ich dies in meinem Herzen! Und wer Geduld fuer das ganze Gespann hat, ist in meinen Augen ein sehr guter Tierarzt.
Liebe Gruesse Margot