Neulich im Tierkrematorium

Wenn es um Tierbestattungen geht, sind noch immer viele Besitzer skeptisch. Landet da nicht sowieso alles in einer Tonne? Und ist die Asche wirklich von meinem Hund?

Um ehrlich zu sein: Auch ich habe mir diese Fragen schon oft gestellt. Während ich an meinem Buch „Tieren beim Sterben helfen“ geschrieben habe, habe ich mich mit vielen Tierbesitzern unterhalten. Auch für mich war der Begriff „Verbrennung“ abstrakt. Ich wollte wissen, wie die Asche aussieht, wie mit Mensch und Tierkörper umgegangen wird. Alle reden natürlich groß von „Pietät“ – aber was ist das? Ich kam zu dem Schluss, mir das selber einfach mal anzuschauen. Die Tierbesitzer wollen einen Rat von mir – und da sollte ich schon wissen, wovon ich spreche, oder?

Zu den Leuten vom Rosengarten habe ich einen ganz guten Draht – also habe ich mich angemeldet und bin im Frühjahr dort hin gefahren.

kug

Zum Besuch des Rosengarten hatte ich mir leider trübes Wetter ausgesucht…

Wie erwartet liegt so ein Krematorium ziemlich weit außerhalb. In diesem Fall befindet sich das Unternehmen auf einem ehemaligen Gutshof – weit ab auf dem Platten Land. Ich hatte mir einen regnerischen Tag ausgesucht, leider, doch schon im Eingang umgibt mich eine angenehme Atmosphäre. Alles im Landhausstil, bunte Fensterscheiben, Ledersofas, gedämpfte Musik. Überraschend ist für mich, dass „Publikumsverkehr“ herrscht: Es sind einige trauernde Menschen da, die offensichtlich der Verbrennung beiwohnen wollen. Nach einer Weile empfangen mich zwei Mitarbeiter, die Herren Puzio und Holle. Sie erklären mir bei Kaffee und Keksen die Firma. Ein Familienunternehmen, sehr beeindruckend. Der Rosengarten hat 23 Filialen. Gegründet wurde das Unternehmen 2002. „Entstanden ist die Idee dazu, als eines der eigenen Haustiere verstarb“, erzählt Herr Puzio. Familie Nietfeld veranstaltete damals eine kleine Trauerfeier. „Das war für alle sehr tröstlich – warum sollte das nicht auch anderen Menschen helfen?“ Die Errichtung des Krematoriums war in der Bevölkerung auf Widerstand gestoßen, man hatte sich sonst was vorgestellt. Tatsächlich sind die Umweltauflagen extrem, die neu errichtete Anlage filtert und reinigt „bis die Luft sauberer ist als auf dem Land“.

„So“, sage ich, „und jetzt würde ich mir gerne alles anschauen!“ Hinter der Rezeption kommen wir in einen Ruhebereich, hier soll nicht gesprochen werden. Die Wände sind karg, das Licht gedämpft. Als wir um die Ecke biegen kommen wir in den Bestattungsraum. Für einen Moment stockt mir der Atem. Ich meine, mit toten Tieren habe ich jeden Tag zu tun, mich kann nichts so leicht aus der Ruhe bringen. Aber hier liegt ein Golden Retriever auf roten Samtkissen aufgebahrt, Kerzen brennen, Rosenblätter wurden verstreut. Es ist wirklich bewegend! Ich persönlich beerdige meine Tiere mit einer kleinen Zeremonie im Garten – aber das ist schon der Hammer!

ljh

Selbst für Hartgesottene (wie mich): Ein bewegender Anblick!

Herr Puzio bittet mich weiter. „Wer will, kann dort vorne sehen, wie sein Tier in den Ofeneingeführt wird….“ Wir biegen um die Ecke. Ein Fenster, von dem aus man sehen kann, wie das Tier der Verbrennung zugeführt wird. „Die eigentliche Verbrennung sieht man von hier aus nicht. Nur den Schein des Feuers…!“ Der Ofen selbst ist aller modernste Technik. Ich werde aufgeklärt über Temperaturen (1000 Grad!), Filterung der Abgase, Bedienung.

Verbrennung bei 1000 Grad

Verbrennung bei 1000 Grad

Nach der Verbrennung wird die Asche sofort aufgefangen und kommt einzeln beschriftet in eine Tüte. Nun wird sie weiter verarbeitet. Man stellt sich unter Asche so etwas vor, was bei der Verbrennung von Holz im offenen Kamin übrig bleibt, „grauen Staub“ eben. Aber das ist nicht so. Es sind vor allem Knochsplitter. Sie werden in einem nächsten Schritt zu feinem Staub gemahlen und kommen dann – je nach Wunsch der Tierbesitzer – in eine Urne. Ich bin erstaunt, dass jede Tüte gekennzeichnet oder versiegelt ist, jeder Schritt dokumentiert wird. „Wir gehen 100 Prozent sicher, dass eine Verwechslung ausgeschlossen ist“, erklärt Herr Holle.

Tierkreamtorium

Tierkreamtorium

Tierkreamtorium

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als wir den Hof verlassen, bin ich schon einigermaßen geschafft. Ich kann mir kaum vorstellen, dass man mit den sterblichen Überresten von Menschen sorgfältiger, „pietätvoller“ umgeht. Wir gelangen nun in den „Rosengarten“. Ich hole meinen Hund aus dem Auto, nehme ihn an der Leine mit. Eine Mitarbeiterin holt ihm erst mal was zu trinken. Der Garten ist riesig. Ein Hügel, alles voller Rosenbüsche, es hat was von Dornröschen. Plätze, die zum Verweilen einladen. Und viele kleine Gedenksteine. Trauernde Menschen haben hier Gegenstände hinterlassen, die an ihr geliebtes Tier erinnern. Halsbänder, Quietschies, Bilder. „Der Rosengarten ist Tag und Nacht geöffnet“, sagt Herr Puzio. „Oft kommen Menschen auf dem Weg in den Urlaub hier vorbei und besuchen ihren Freund. Manchmal sind Kinder dabei, manche kommen abends und allein…..“ Auch ich habe so meine Plätze im Wald, wo ich meiner Tiere gedenke. Meinen Boxer Momo zum Beispiel, den ich niemals vergessen werde. Er hat sich uns ausgesucht und meine Kinder mit seinem Leben verteidigt. Wir verbinden Geschichte und Lebenszeit mit unseren Tieren. Es ist gut, einen Platz zu haben, an dem wir das festmachen können. Wir gehen vorbei an einem Seerosenteich, dann an einem Aschefeld, wo die Asche verstreut wird, wenn Besitzer das wünschen.

 Tierkreamtorium

Bevor ich nach Hause fahre, stärken wir uns noch und reden ein bisschen. Die beiden Männer leben diese Geschichte hier, das merke ich und es beruhigt mich. Auch sie – wie wir Tierärzte – arbeiten mit Leidenschaft und Idealismus. Auf dem Heimweg nehme ich mir vor, mir noch andere Krematorien anzusehen. Aber eines weiß ich jetzt schon: Tierbestattung kann ich jedem mit gutem Gewissen empfehlen!

 

Be Sociable, Share!
Henrik Hofmann

About Henrik Hofmann

Dr. Henrik Hofmann …. betreibt eine Kleintierpraxis in Butzbach/Hessen. Er ist spezialisiert auf Akupunktur und Schmerztherapie, seine Frau Daniela – ebenfalls Tierärztin – beschäftigt sich intensiv mit Zahnmedizin bei Kleintieren. Dr. Hofmanns spezielle Leidenschaften sind Schreiben und Fotografie. Einerseits auf diesem Blog, daneben aber auch für eine Reihe von Tierhalterzeitschriften und Tageszeitungen. Von ihm erschienene Bücher sind oben unter der Rubrik „Bücher“ beschrieben. www.tierundleben.de