„Majka macht das Würstchen“

Eine „Kindergeschichte“ von meiner singenden Kollegin Majka Kiefer

„Neulich bin ich an den Pferdestall gefahren, um zwei Pferde zu untersuchen. Ich stieg aus dem Auto aus und ließ die Jacke auf dem Beifahrersitz liegen. Es war ein schöner, warmer Sommerabend und die dunklen Wolken störten nicht.

Ein ungefähr acht-jähriger Junge kam auf mich zugerannt, seine kleinere Schwester an der Hand hinter sich herziehend. Er streckte mir höflich die freie Hand entgegen und sagte :

“Hallo, ich bin der Dominik. Und du bist die Majka. Machst du die Würstchen?“

Er sprach sehr deutlich und betonte jedes Wort, es war ihm sehr wichtig, darauf eine Antwort Natwest Visa zu erhalten. Unsicher schaute er mir in die Augen und biss sich auf die Unterlippe.

Ich sagte: „Hallo Dominik, nein, Würstchen mache ich schon lange nicht mehr. Ich mache nur noch das Wetter.“

Er zog seine Schwester noch ein bisschen näher und sagte wissend:

„Siehst du, sie macht das Wetter.“

Überglücklich rannten die beide zurück zur Anbindestelle, an der die beiden zu untersuchenden Pferde standen.

Ich hängte mein Stethoskop um den Hals und lief ihnen den steilen Berg runter nach. Die Pferde waren an einem Stahlgestell angebunden und ich begrüßte erst die Pferde, dann den Besitzer der Tiere und  Vater der beiden Kinder.

Er sagte: „Hallo Majka, na haben die beiden Verbrecher dich gefragt, ob du die Würstchen machst? Wir haben gerade die Werbung im Auto gehört und Dominik musste dich unbedingt fragen, ob du das bist…“

Wir lachten, während die Kinder sich tuschelnd zurückgezogen hatten.

Der Stall war noch zugeschlossen, da die Pferde den ganzen Tag auf der sonnigen Koppel standen.

Die Wolken verdichteten sich plötzlich, völlig unerwartet.

Die ersten Regentropfen fielen, die Pferde standen mit dem Kopf unter dem Dach, den Rücken im Freien. Der Besitzer und ich stellten uns jeweils an einen Pferdekopf, um nicht nass zu werden. Wir wollten warten, bis die paar Tropfen vorüber waren.

Plötzlich schüttete es aus Kübeln, die Pferde waren innerhalb von Sekunden klatschnass und der Platzregen durchkämmte ihr Fell.

Die Kinder sprangen auf die Anbindestange, da das Wasser plötzlich den ganzen Boden bedeckte und ihre dünnen Stoffschuhe schon ganz durchnässt waren. Es fing an zu donnern und während es donnerte, blitzte es auch. Der Regen wurde ein Sturzbach, der Wind ließ uns vergessen, dass ein Dach über uns war. Das Wasser war plötzlich überall, es kam aus allen Richtungen. Die grossen Regentropfen donnerten auf den unbefestigten Boden und rissen große Erosionen mit sich.

Die Pferde wurden fürchterlich nervös und ich rief Dominiks Vater zu, den Stall aufzuschließen, damit wir ins Trockene konnten. Das Wasser stand uns mittlerweile bis zu den Knöcheln.

Der Mann rannte um die Ecke, um das Schloß der Stalltür zu öffnen. Nach einer halben Ewigkeit und weiteren Litern Wasser hatte er es geschafft und kam zurück um das Pferd abzubinden. Ich griff beherzt in den zweiten Strick und befreite das mittlerweile steigende und völlig aufgelöst zweite Pferd von seiner Anbindung und machte eine große Handbewegung zu den Kindern, die bedeutete:

„JETZT FOLGEN“

und die Kinder sprangen von der Anbindestange und liefen schreiend los.

Das Pferd an meinem Strick dampfte im Wasser und versuchte panisch, wegzurennen und ich hatte Mühe, es in den Stall zu zerren. Keine Faser an mir war mehr trocken.

Eine Ewigkeit später kamen die Kinder immer noch schreiend in den Stall gerannt.

Sie waren auf meinen Startbefehl hin schnurstracks den Berg rauf zu ihrem Auto gerannt. Im strömenden Regen und ungeachtet jeglicher Möglichkeit, sich irgendwo schneller unterzustellen.

Als sie am Auto angekommen waren und merkten, dass niemand am Auto war, sind sie eben schreiend in den Stall gerannt. Sie sahen aus wie aus der Badewanne gezogen und mittlerweile hagelte es Taubeneier. Das Geräusch unter dem Wellblech im Stall war fast unerträglich laut aber der Mann fragte:

„ Kinder, warum rennt ihr denn ans Auto?“ Und Dominiks Schwester sagte:

„Aber Papa. Du hast uns doch gesagt wenn es blitzt müssen wir immer ins Auto.“

Diese Logik war unfassbar rührend aber wir mussten die Pferde beruhigen und die Kinder irgendwie trockenlegen. Mit Pferdedecken und diversen Geschirrtüchern hatten wir das bald geschafft und als der Hagel aufhörte öffneten wir die Stalltür und ein reißender Fluß aus Wasser, Erde und im Sturm tanzenden Baumästen hinderte uns am Verlassen des Stalls.

Da wir in Sicherheit waren fügten wir uns unserem Schicksal und kochten eine Kanne Kaffee.

Während das Kaffeearoma sich in dem abkühlenden Stall durchsetzte, untersuchte ich die Pferde.

Als der Kaffe fertig war setzten wir uns in den Aufenthaltsraum und tranken eine heiße Tasse.

Dominik kam zu mir, eine stinkende Pferdedecke um den Hals, die immerhin das Wasser aus seinem triefenden Haar aufsaugte und setzte sich schweigend neben mich.

Er schaute mich mit großen Augen an und seine Zähne suchten wieder die Unterlippe.

Dann fasste er sich ein Herz und sagt: „Majka? Kannst du lieber wieder die Würstchen machen?“

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Henrik Hofmann

About Henrik Hofmann

Dr. Henrik Hofmann …. betreibt eine Kleintierpraxis in Butzbach/Hessen. Er ist spezialisiert auf Akupunktur und Schmerztherapie, seine Frau Daniela – ebenfalls Tierärztin – beschäftigt sich intensiv mit Zahnmedizin bei Kleintieren. Dr. Hofmanns spezielle Leidenschaften sind Schreiben und Fotografie. Einerseits auf diesem Blog, daneben aber auch für eine Reihe von Tierhalterzeitschriften und Tageszeitungen. Von ihm erschienene Bücher sind oben unter der Rubrik „Bücher“ beschrieben. www.tierundleben.de