Leipziger Tierärztekongress: Voller Erfolg!

Der Leipziger Tierärztekongress konnte mit einem Zuwachs von etwa zehn Prozent auf rund 4400 Teilnehmer aufwarten. Zu Recht, die Themen waren vielfältig und von guter Qualität. Die Tierärzteschaft scheint sich aber zusehends zu spalten.

von Henrik Hofmann

Leipziger Tierärztekongress 2014

Leipziger Tierärztekongress 2014

Zwei Auftaktveranstaltungen zum Kongress drehten sich um die großen berufspolitischen Themen: bevorstehender Wegfall der Gebührenordnung, eventuelle Auflösung der Berufsordnungen, ein Leben ohne Dispensierrecht – und das Selbstverständnis der Tiermediziner selbst.

Zu erwarten ist, dass die nicht mehr reglementierte Preisgestaltung zu verschärftem Wettbewerb führen wird. Vor allem die kleinen Praxen, die heute von „Impfung und Ohrenputzen“ leben, Probleme haben, der Konkurrenz stand zu halten. Befürchtet wird, dass (Billig)Ketten z.B. aus USA die Lücken schließen werden. Kollegen aus den Niederlanden schildern dies aus ihrem Land, nachdem deren Gebührenordnung abgeschafft wurde.

Wer sind wir?

Die Gesellschaft hat ihr Verhältnis zu Tieren geändert und wird dies weiter tun. Die Menschen erwarten, dass für Tiere medizinisch alles getan wird, was auch für Menschen machbar wäre. Abgesehen davon, dass das nicht immer bezahlbar ist, gelten für die sogenannten Nutztiere andere Spielregeln. Hier werden die Möglichkeiten vom Markt bestimmt – und das ist nicht nur der „unmündige Bürger“, so Referent und Nutztierpraktiker Dr. Georg Bruns aus Steinfeld, „der von so vielen Seiten beeinflusst wird, dass er kein vernünftiges Verhältnis mehr zur Lebensmittelproduktion hat“. In erster Linie seien das der Handel und hier vor allem Lidl und Aldi. „Viele Bauern bezahlen Eintritt in ihren Stall, so schlecht werden ihre Produkte bezahlt“, sagt Bruns ironisch. Damit steht für die Behandlung von Rindern und Schweinen deutlich zu wenig Geld zur Verfügung. Doch auch wenn es den Tieren nirgendwo besser geht als in deutschen Ställen, und in den letzten dreißig Jahren nie so gut ging wie heute, distanzieren sich nicht nur Verbraucher von der Landwirtschaft sondern auch Tierärzte. Prof. Jörg Luy aus Berlin sagt, dass „der fortschreitende Prozess zunehmender Bedenken gegenüber Nutztierhaltung den Berufsstand spaltet“. Die „selektiv dissoziierte Empathie“ betreffe auch Tierärzte. Der Berufsstand kenne zwei Geisteshaltungen: Das Tier als landwirtschaftlichen Produktionsfaktor und das Tier als vollwertigen Patienten. Viele scheinen den einfachsten Weg zu wählen, sie stehlen sich aus der Verantwortung, in dem sie nicht zu den Tieren gehen, um ihnen zu helfen, sondern lieber für Hungerlöhne in den Städten arbeiten. Ein Dilemma, das die Tiermedizin lösen muss. Tieren Hilfe zu Versagen unter Hinweis darauf, man esse ja kein Fleisch, scheint vielen Kollegen als unethisch.

Positionsbestimmung der Tierärzte

Positionsbestimmung der Tierärzte

Vielfalt

Die Themenbereiche waren so vielfältig, es wurden so viele Tierarten und Spezialgebiete angesprochen, dass die Entscheidung für ein Gebiet schwer fiel. Sah man das eine, verpasste man das andere. Ein Besucher sagte, „besser man kann sich nicht entscheiden wohin, als dass man sagt, den Vortrag kenn ich und der langweilt mich….“ Neu im Programm war das Thema Fisch. Zahlreiche Teilnehmer nutzten die Vorträge, um sich erstmals auf dem Kongress über Erkrankungen, Diagnostik und Therapieansätze bei Fischen zu informieren. Ein Bereich, deren Bedeutung offensichtlich unterschätzt wird. Zu den weiteren Programmpunkten von „A bis Z – von Arzneimittel bis Zootiere“ – gehörten die tierartorientierten Themen Bienen, Heimtiere, Hund/Katze, Nutzgeflügel, Pferd, Schwein, Wiederkäuer und Zootiere. Zudem bot der Kongress Workshops und Vorträge zu den übergreifenden Aufgaben von Tierärzten. Experten diskutierten unter der Überschrift „Veterinary Public Health“ über Themen wie Tierschutz und -seuchen oder Lebensmittelsicherheit. Auf dem Programm standen zudem die Fragen nach dem Arzneimitteleinsatz und der Toxikologie vor allem bei Lebensmittel liefernden Tieren. Bereiche, deren Bedeutung offensichtlich unterschätzt werden. Besonders erfolgreich im Kleintierbereich waren beispielsweise die Vorträge zu Verhaltenstherapie. Dorothea Döring von der LMU berichtete, dass Aggressionen bei Kaninchen häufig mit der Form der Fütterung zu tun haben. Sie rät, Leckerlis und Kraftfutter weg zu lassen und statt dessen vor allem Heu und Grünzeug zu füttern. „Kaninchen fressen vor allem Halme – und das in 60 bis 80 Portionen pro Tag. Das wirkt ausgleichend und beruhigend!“ Um Kaninchen aneinander zu gewöhnen, rät sie, Gruppen mit mehreren Weibchen und einem kastrierten Männchen zusammen zu stellen, sie durch den Austausch von Mist in den getrennten Käfigen aufeinander gerichtlich vorzubereiten, auch in diesem Fall das Futter umzustellen und sie zunächst auf neutralem Terrain zusammen zu lassen.

Beklagt wurde von Rinderpraktikern die „teilweise enttäuschende Qualität der Rindervorträge. Da kamen Hochschullehrer mit zehn Jahre altem Wissen. Würde ich das meinen Bauern erzählen, die würden mich auslachen!“ Auch die Pferdevorträge entsprachen nicht immer den Erwartungen der spezialisierteren Kollegen.

Glücklich – geradezu euphorisch – waren Vertreter der Industrie. „Unsere Stände waren permanent stark besucht, sogar während der Vorträge, wir konnten kaum Pausen machen. Und das nicht von Leuten, die nur einen Kaffe wollten, sondern von Tierärzten, die sich intensiv informierten!“

Insgesamt: Ein Kongress der Superlative, der die Messlatte für andere Veranstalter sehr hoch legt. Der nächste Termin ist Bielefeld. „Wer sich für Endokrinologie interessiert wird dort hin fahren“, meint eine Kollegin. „So gezielt ein Gebiet bearbeiten, kann dann doch der beste Kongress nicht!“ Na dann: Wir sehn uns in einem Monat!

 

Mein Kommentar:

Generationenwechsel

Von der Tatsache, dass die „Tiermedizin weiblich wird“, scheint Berufspolitik noch nicht so recht betroffen zu sein. Zumindest das Interesse der jungen Kolleginnen daran ist relativ gering. So fanden sich zur Berufspolitik vor allem Arbeitgeber aus Praxis und Verwaltung ein. Wohl aus Angst politisch unkorrekt zu sein fand der Meinungsaustausch denn auch mehr im kleinen Kreis satt. So klagten etliche Kolleginnen über ständig schwanger werdende Angestellte, über Kolleginnen, die nicht mehr bereit sind Nacht- und Notdienste zu übernehmen, über Mitarbeiterinnen, die nach der Schwangerschaft „alles vergessen haben“ oder „nach der Uni nichts können“. Letztere erwarteten in der Praxis hohe Gehälter – während sie an den Unis für Löhne unter dem Existenzminimum arbeiten. „Und der Papa bezahlt am Ende des Jahres zehntausend Euro für sie in die Rentenkasse ein!“, so eine verbitterte Praxisinhaberin. „Und das Schlimmste ist: Ihr Können ist so begrenzt oder vielleicht auch spezialisiert, dass man in der Praxis mit ihnen kaum etwas anfangen kann…“ Wehewehe, hätte das ein männlicher Chef gesagt!

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Henrik Hofmann

About Henrik Hofmann

Dr. Henrik Hofmann …. betreibt eine Kleintierpraxis in Butzbach/Hessen. Er ist spezialisiert auf Akupunktur und Schmerztherapie, seine Frau Daniela – ebenfalls Tierärztin – beschäftigt sich intensiv mit Zahnmedizin bei Kleintieren. Dr. Hofmanns spezielle Leidenschaften sind Schreiben und Fotografie. Einerseits auf diesem Blog, daneben aber auch für eine Reihe von Tierhalterzeitschriften und Tageszeitungen. Von ihm erschienene Bücher sind oben unter der Rubrik „Bücher“ beschrieben. www.tierundleben.de