Leben nach dem Leben

Immer wenn mich Praxis und im Speziellen Nacht- und Notdienste zu sehr mitnehmen, frage ich mich, ob es eine Alternative gibt. Ein Leben nach dem Leben. Ja!, meint mein Freund, der Metzger.

von Henrik Hofmann

„Allein diese Woche haben drei mal Leute zwischen 23.00 und 4.00 Uhr angerufen, die keine Kunden waren und eigentlich auch gar nicht kommen wollten. Sie wollten nur einen kostenlosen Ratschlag. Ihre Tierärzte gingen halt nicht ans Telefon… Einer meinte, sein Hund habe Zigaretten gefressen. Ist ein Notfall, weil giftig, stimmt schon. Sollte/muss man brechen lassen. Wollte Herrchen aber nicht. Nur wissen, woran man erkennt, dass der Hund bald stirbt. So was regt mich derart auf, dass ich danach nicht mehr schlafen kann. Der nächste Tag ist versaut. Und das ist halt kein Einzelfall. Leider. Für Angestellte wahrscheinlich schwer vorstellbar. Das wäre so, als ob der Chef regelmäßig nachts anruft und Arbeit ohne Bezahlung verlangt.

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Oder Mitarbeiter, die dich in der größten Not hängen lassen. Oder Kunden, um deren Tier du gekämpft hast und die dir dafür noch einen Arschtritt geben….

„Also, was meinst du, Albert: Aufhören und was anderes machen?“

Alberts Frau lacht. „Da fragst du genau den richtigen. Der macht seinen Beruf genau so gerne wie wie du. Der hört auf, wenn du aufhörst: An dem Tag, an dem ihr beide tot umfallt!“

Albert ist nachdenklich. Er zerlegt eine Schweineschulter mit scharfem, gebogenem Messer. „Ich könnte mir vorstellen, aufzuhören. Ich bin aber geistig nicht mehr so fit. Eine Fremdsprache könnte ich nicht mehr lernen. Holz machen würde ich gerne! Ich wäre immer im Wald und würde dir das Brennholz für den Wimter verkaufen.“

Seine Frau könnte sich vorstellen, einen Laden zu haben, wo es ausschließlich Whisky und Salami gibt. Viele Sorten! Und kleine Gerichte, die sie passend zu den Whiskys zubereitet. „Na ja, vielleicht auch noch Guinness.“

„Ich wäre gerne Hutmacher“, sage ich. Albert findet das gut. „Für den Winter. Im Sommer reist du rum, sammelst Geschichten und machst Bilder. Und im Winter kommst du zu uns, setzt dich an mein Holzfeuer, trinkst ihren Whisky und erzählst uns, wie es anderswo ist. Und führst deine Hüte vor.“

„Ich glaube, das werde ich machen“, sage ich zu den beiden. „Ich weiß nur noch nicht wann…“ Und nach so einem Gespräch merke ich, dass das Feuer einfach noch nicht erloschen ist.

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Henrik Hofmann

About Henrik Hofmann

Dr. Henrik Hofmann …. betreibt eine Kleintierpraxis in Butzbach/Hessen. Er ist spezialisiert auf Akupunktur und Schmerztherapie, seine Frau Daniela – ebenfalls Tierärztin – beschäftigt sich intensiv mit Zahnmedizin bei Kleintieren. Dr. Hofmanns spezielle Leidenschaften sind Schreiben und Fotografie. Einerseits auf diesem Blog, daneben aber auch für eine Reihe von Tierhalterzeitschriften und Tageszeitungen. Von ihm erschienene Bücher sind oben unter der Rubrik „Bücher“ beschrieben. www.tierundleben.de