Istanbul ist Katzenland

 

In Istanbul fiel mir eines gleich auf: Überall sind streunende Katzen! Am Hafen, in Restaurants, Geschäften und sogar in Moscheen. Für uns Westler ein klarer Fall für den Tierschutz. Doch Katzen sind Istanbuler Kulturgut.

Kurz nach Ankunft in der Metropole am Bosporus erreichte mich per Facebook eine Meldung: „Bei der Fatih Moschee in Istanbul wurden letzte Woche über 100 Jungkitten ausgesetzt. Sie müssen dort sofort wieder raus, bevor sie sich mit den Krankheiten der anderen Katzen anstecken, was sie nicht überleben. Bitte helft mit. ….“ Tatsächlich ist Itanbul wie keine Stadt bevölkert von „herrenlosen“ Katzen. Sie sitzen in Restaurants und schauen den Gästen beim Essen zu, haben eigene Stühle vor Geschäften, werden in den Auslagen geduldet, gefüttert, bespielt. Um die Hagia Sofia sitzen welche, ja selbst in der Moschee treiben sich Kater herum und lassen sich gelassen von Touristen fotografieren. Manchmal haben sie etwas Unheimliches, diese stillen Beobachter. Die Statistik sagt, dass in Istanbul eine Katze auf etwa fünf Quadratmeter kommt.

Bislang dachte ich, dass Fleischfresser  in muslimischen Ländern generell als „unrein“ angesehen würden. Aber ich wurde eines Besseren belehrt. Während 1910 achtzigtausend Hunde in Istanbul eingefangen und auf eine Insel vor der Stadt verfrachten wurden, wo sie elendiglich verhungerten, hat die Katze einen besonderen Status – im Islam, in der Türkei und in Istanbul. So wird berichtet, dass eine Katze den Propheten Mohamed vor einer Giftschlange gerettet haben soll. Eine andere Anekdote erzählt davon, dass sich eine Katze zu dem schlafenden Propheten gesellte und es sich auf seinem Rockschoß bequem machte. Als Mohamed erwachte, sah er die schlafende Katze. Um sie nicht zu stören, schnitt er einen Teil seines Kleides ab.

Auch wenn die Tiere auf der Strasse leben – die Istanbuler lieben Katzen, das wird mir schnell klar. Sie sind zutraulich und selten unterernährt, ihr Futter finden sie im Abfall aus Müllcontainern oder in Schüsseln, die in Hauseingänge gestellt werden oder haben „ihren“ Fischhändler, der ihnen gerne etwas abgibt. Die Nachbarn kaufen Katzenfutter und streuen es auf den Bürgersteig. Abends beobachte ich eine Frau, die den Katzen frisch gekochte Nudeln auf einen Fußweg legt. Ich lächle, doch es ist ihr peinlich. An Hauseingängen stehen Joghurtschalen mit frischem Wasser. Katzen werden behandelt, kastriert und geimpft, lese ich. Die meisten scheinen mir von der Gesundheit her – sagen wir wie „Bauernhofkatzen“: Wahrscheinlich heftig durchseucht mit allen erdenklichen Erregern, aber so erst mal klinisch unauffällig. (Abgesehen von Flöhen und Würmern.) In Beyoglu sehe ich Jugendliche auf einer Mauer sitzen, neben ihnen ein roter Kater. Sie haben ihm eine Schüssel mit Trockenfutter hingestellt und leisten ihm beim Abendessen Gesellschaft.

Die Fürsorge spielt sich nicht nur im Privaten ab, sondern auch öffentlich. Ein Mufti hielt jüngst eine Predigt, in der er all jene pries, die ihr Leben den Katzen von Istanbul widmeten. Die Bosporus Universität gilt als Anlaufstelle,wenn man sein Tier abgeben will. Sevgin Akis Roney, Ökonomieprofessor der zwischen den Kontinenten gelegenen Hochschule, berichtet, dass Katzen sogar frei in den Klassenräumen umherlaufen dürfen.

Eine andere Seite sind grundlegende Veränderungen in der Türkei. Den Wandel zur Weltmetropole als Teil der Europäischen Union können nicht alle Menschen mitmachen. Strassenkatzen sind auch billige Haustiere für die Armen der Großstadt.

Von Einheimischen wird an den Katzen die Kluft zwischen traditionsverhaftetem Land auf dem Weg in die Moderne fest gemacht. Hier begegneten sich das muslimische Ideal der Toleranz und „eine urbane Elite mit westlichen Wertvorstellungen von Tierschutz“. 2004 startete die Türkei ein Tierschutzgesetzt, das darauf abzielte, die Katzen zu fangen, zu kastrieren und zu vermitteln bzw. wieder freizulassen. Doch wie so oft im Tierschutz fehlt auch hier das Geld!

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Falls jemand eine Tierschutzorganisation dort kennt, Adresse bitte als Kommentar posten!

 

Text und Bilder VetPress.de / Henrik Hofmann

 

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Henrik Hofmann

About Henrik Hofmann

Dr. Henrik Hofmann …. betreibt eine Kleintierpraxis in Butzbach/Hessen. Er ist spezialisiert auf Akupunktur und Schmerztherapie, seine Frau Daniela – ebenfalls Tierärztin – beschäftigt sich intensiv mit Zahnmedizin bei Kleintieren. Dr. Hofmanns spezielle Leidenschaften sind Schreiben und Fotografie. Einerseits auf diesem Blog, daneben aber auch für eine Reihe von Tierhalterzeitschriften und Tageszeitungen. Von ihm erschienene Bücher sind oben unter der Rubrik „Bücher“ beschrieben. www.tierundleben.de