Islamisches Opferfest – Liebe das Lamm!

Während des islamischen Opferfests verbringen meine Schäfer und ich alle Jahre wieder ein paar Tage in rein muslimischer Gesellschaft. Wir alle praktizieren Völkerverständigung jenseits von Politik und Massenmedien. Vor allem Schäfer Helmuth hat da seine eigenen Methoden.

 

Über die Jahre kenne ich die meisten der opferwilligen Muslime, es sind in meinem Bezirk ein paar hundert. Sie kommen vor allem aus dem Rhein-Main-Gebiet, ein paar sogar aus Mannheim und Stuttgart. Wir haben so was wie ein herzliches Verhältnis. Bis vor zehn Jahren war es ein Kampf, überhaupt die Fleischbeschau machen zu »dürfen«, inzwischen werde ich mit »Hallo Doc, wo sind deine Hunde« und mit Handschlag begrüßt. Vielen ist die Beschau sogar wichtig, sie sind derart eingedeutscht, dass sie unsere Vorstellung von Lebensmittelhygiene angenommen haben. Spannend ist die Verständigung mit den unterschiedlichen Nationen, denen sich die Muslime – obwohl sie seit 30 Jahren hier leben oder hier geboren wurden – noch immer zugehörig fühlen. Der achtzigjährige Schäfer Helmuth zieht vor allem Türken und Leute von den Philippinen oder auch Somalia an. Zu Holli kommen eher Marokkaner und Leute aus Osteuropa.

Bis vor ein paar Jahren hatten wir immer wieder handfeste Streits, weil das Schächten nur mit (sehr strenger) Ausnahmegenehmigung erlaubt und eine Tierquälerei ist. Insbesondere, da an diesem Feiertag fast nur Leute schlachten, die es eigentlich nicht können. Ist ja nicht ihr Beruf … Ich habe mir inzwischen ein Wissen über das Thema angeeignet, das die meisten Muslime im Streit verschämt zu Boden blicken lässt. Wollen sie Schächten, stelle ich mich dazu und belehre sie, was sie laut Koran und was sie laut Scharia falsch machen. Mohamed war kein Tierquäler und hat ein paar gute Regeln aufgestellt. Hat was von deutschem Klugscheißer und es ist mir auch ein bisschen peinlich, aber was solls. Ich erkläre ihnen, dass für uns Tierschutz die Qualität von Religion hat. »Schächten verletzt unsere Gefühle. Wir fühlen uns so, wie ihr euch fühlt, wenn Christen euren Propheten beleidigen.« Zumindest meine Erfahrung zeigt, dass solche Diskussionen auf kleinster Ebene über die Jahre etwas gebracht haben. Vor Jahren habe ich mal einen Vortrag vor dem Bundestag gehalten. Das hat vieles bewegt. Aber die „Arbeit an der Gransnabe“ bringt mehr …

Gewürzter Kaffee

Rafiq ist Sufi und ihm geht die Diskussion ums Schächten ziemlich auf die Nerven. »Es kommt nicht darauf an, wie du das Lamm opferst. Wichtig ist nur eines: du musst das Lamm lieben! Du musst es ein Jahr lang selbst groß gezogen haben, es selbst gefüttert und gepflegt haben. Es geht in der Geschichte, auf der der Opfertag beruht, ja eigentlich darum, dass Ibrahim seinen geliebten Sohn opfern sollte. Und so wie er seinen Sohn liebte, müssen wir das Lamm lieben – und dann opfern.« Die meisten Umstehenden finden das plausibel. »Aber ich glaube«, fährt Rafiq fort, »wenn die Leute ihre Lämmer wirklich bei sich aufziehen würden, könnten sie sie nicht mehr schlachten.« Rafiq selbst schlachtet nicht, er begleitet einen Freund. Rafiq spendet Armen in seiner Heimat Kashmir. Als Kind hat er ein Lamm großgezogen.

Doch so muslimisch das ganze wirkt, die Grenzen sind ziemlich aufgeweicht. Beflügelt durch Kälte und lange Wartezeiten kommen wir alle in Stimmung.

Multi-Kulti

Zwei Türken haben einen kleinen Grill dabei und legen schon mal was frisch Beschautes auf die Flammen. Dazu gibt es frittierte Teigbällchen. Herr Yürükkmen hat diesmal gewürzten Kaffee von seiner Schwiegermutter dabei. So lecker, dass die Schäfer und ich für immer auf deutschen Kaffe verzichten würden. Vor allem für die jüngeren Muslime scheint der Multi-Kulti-Mix kein Problem zu sein. Viele stärken sich beim Opfern mit von Mutti selbstgebackenen (deutschen) Weihnachtsplätzchen und nennen ihren Prediger den „Pfarrer“.

Völkerverständigung: Zum islamischen Opferfest gibt’s deutsche Weihnachtsplätzchen.

Von der türkischen Mama gebacken.

Wie sehr dabei aber jeder an der eigenen Kultur hängt, kommt in den Gesprächen heraus. Die Marokkaner etwa lachen über die Türken, die sie inzwischen für »deutscher als die Deutschen« halten, weil sie alles so ernst nehmen. Die Türken wiederum halten die Marokkaner für »unzivilisiert«, weil sie ihren Töchtern blutige Male auf die Stirn tupfen. Doch ernsthaften Streit zwischen den Nationen gibt es nicht: die Nordafrikaner wollen nur Böcke, die Türken sind da weniger streng. »Aber ich erzähl dir mal was«, lacht einer der Marocs. »Gegen Ende vom Feiertag werden die Böcke immer knapp. Wir sind vor ein paar Jahren viel zu spät gekommen und es war ein riesiger Tumult im Stall. Alle haben versucht Schafe zu fangen und sich um die Böcke gestritten. Ich musste drei mit zu meiner Familie bringen. Hab sie auch gefangen und mich mehr oder weniger draufgelegt, damit sie nicht weglaufen.« Der Marokkaner führt mir vor, wie das ausgesehen haben soll. »Ich hab ihnen zwischen die Beine gefasst, alles Böcke – hab ich gedacht. Nach dem Schlachten hab ich dann gemerkt, dass eins ein Mädchen war.« Er macht ein bekümmertes Gesicht. »Wenn ich ein Mädchen mitbringe, lässt mich meine Frau auf der Straße schlafen! Ich war schon so weit, Helmuth das Lamm zu bezahlen und es dazulassen, als noch Türken aufgekreuzt sind. Die sind richtig böse geworden, als nichts mehr für sie übrig war. Ich bin zu einem hin und hab gesagt, Kollege, wir sind doch Glaubensbrüder, du kannst eines von mir haben.« Ihm kullern Tränen vom Lachen die Wangen runter. »Wir müssen zusammenhalten, hab ich gesagt und er war richtig dankbar, als er mir das Schaf bezahlt hat!«

Keine Üs aber kehliges Kratzen

Zwischen den Stühlen sitzt Herr Kaya. Er hat einen türkischen Namen, sieht auch türkisch aus. Spricht aber nicht Türkisch. Keine »üs« und so, aber ein bisschen kehliges Kratzen wie die Araber oder manche Perser. »Wie sprichst’n du«, frage ich ihn. »Das war Zazaki«, erklärt er mir. »Wir sind Zaza. Wir sind aus Anatolien. Die Türken verstehen unsere Sprache nicht und halten uns für Kurden. Die Kurden halten uns für Türken. Hier ist das egal, aber zu Hause ist es manchmal schwer… Als ich weggegangen bin, durften wir noch nicht mal in unsrer Sprache sprechen oder singen. Wir leben normalerweise in einer ziemlich armen Berggegend in Ostanatolien. Wegen den Kämpfen der PKK haben sie auch unsere Dörfer immer wieder geräumt.« Er erklärt mir, dass rund ein Viertel aller Zaza in Deutschland lebt. »Ein paar gibt’s auch in Kasachstan, Georgien und Amerika. Es gibt eine Menge Probleme. Auch untereinander sind wir uns nicht immer einig. Manche Zaza nennen sich zum Beispiel Kirmanc.« Die klirrende Kälte kriecht uns die Beine hoch und Herr Kaya gibt Tassen mit Tee aus. Rashid aus Rüsselsheim öffnet die Dose mit Weihnachtsplätzchen. Als ich mich umdrehe steht Helmuth mit acht oder neun Türken, Zaza und Kurden zusammen und ein freudiges Lächeln taucht auf Rashids und meinen Lippen auf: die Jungs lernen gerade ein altes Deutsches Gedicht aus Helmuths Jugend. Wenn das keine Völkerverständigung ist ….

»Machs gut, Doc, bis nächstes Jahr«, sagen die Jungs schließlich zum Abschied. Und ich muss zugeben, dass das Opferfest auch für mich so ein bisschen zum Fest geworden ist! Es ist nicht umsonst ein Fest der drei Religionen. »Salem aleikum«, rufe ich. »Aleikum salaam«, geben sie zurück. Lieber wärs mir trotzdem, wir würden uns nur zum Spaß und ohne Töten treffen …

Die Geschichte stammt aus dem vergangenen Jahr – mal sehen wies heuer wird.

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Henrik Hofmann

About Henrik Hofmann

Dr. Henrik Hofmann …. betreibt eine Kleintierpraxis in Butzbach/Hessen. Er ist spezialisiert auf Akupunktur und Schmerztherapie, seine Frau Daniela – ebenfalls Tierärztin – beschäftigt sich intensiv mit Zahnmedizin bei Kleintieren. Dr. Hofmanns spezielle Leidenschaften sind Schreiben und Fotografie. Einerseits auf diesem Blog, daneben aber auch für eine Reihe von Tierhalterzeitschriften und Tageszeitungen. Von ihm erschienene Bücher sind oben unter der Rubrik „Bücher“ beschrieben. www.tierundleben.de