Hanuta

„Frau Doktor, kommen Sie schnell, da ist ein Kind vom Pferd gefallen“! Der Hund auf meinem Untersuchungstisch war überglücklich, dass ich von ihm abkommandiert wurde und sein Frauchen zeigte vollstes Verständnis. Sie setzte sich wieder ins Wartezimmer während ich aus der Praxis stürmte und die 50 Meter zum angrenzenden Reitplatz rannte.

Es war eines dieser kleinen Engel mit blondgelocktem langemHaar und unerbittlicher Liebe für Pferde ....

Eine Geschichte von Majka Kiefer

Ich sah das Mädchen schon von weitem, es war eines dieser kleinen Engel mit blondgelocktem langem Haar, einem bezaubernden Lächeln und einer unerbittlichen Liebe für Pferde. Sie hielt sich den rechten Arm und der Reitlehrer redete ununterbrochen auf sie ein.

„..dann steigst du nämlich am besten gleich wieder auf, denn so verlierst du direkt die Angst.“ Das Mädchen nickte, schaute sich aber die ganze Zeit auf den Arm.

Ich sagte „Hallo Kleine, wo tuts dir denn weh?“ Der Reitlehrer sagte: “Hallo Frau Doktor, siehst du, heute brauche ich dich nicht für die Pferde sondern für meine kleinen Kinder. Das ist die Katja und sie böse auf den Arm gefallen.“

Mein weißer Arztkittel reflektierte die Sonne und Katja kniff etwas die Augen zusammen. Sie sagte kein Wort, man sah ihr die Schmerzen an und wie sehr sie versuchte, tapfer zu sein.

Ich sagte: „Na Katja, dann zeig mir mal deinen Arm.“ Sie hielt mir den rechten Arm hin und ich untersuchte ihn während der Reitlehrer die ganze Geschichte erzählte. Er war aufgeregter als Katja, die mit zugekniffenem Mund ihrer eigenen Geschichte lauschte und mit Tränen in den Augen dem Reitlehrer zuschaute, wie er mit ausgreifenden Bewegungen der Arme und galoppierenden Beinen den Sturz nachspielte.

Ich konnte mit meinem Zeigefinger und dem Daumen ihren kompletten kleinen Arm umfassen. Das Ellenbogengelenk hatte eine großflächige Schürfwunde, aber gebrochen war glücklicherweise nichts. Sie hatte einen mächtigen Schreck gekriegt, denn das Pferd, auf dem sie reiten lernte war sehr groß und folglich war der Weg nach unten relativ weit. Ich redete beruhigend auf sie ein, stellte ihr diverse Fragen, und sie nickte oder schüttelte den Kopf, sagte aber kein Wort.

Als wir in der Praxis waren fragte ich sie, ob sie wie ein kleiner Hund auf den Behandlungstisch Natwest bank group möchte und als sie nickte setzte ich sie hoch und gab ihr einen Stoffhund in die linke Hand. Sie lächelte. Ich erzählte ihr eine lustige Geschichte über den Stoffhund und sie lachte mit zugekniffenen Lippen. Ich machte ihr eine schmerzstillende Salbe auf ihren kleinen Arm und legte ihr eine professionelle Armschlinge um den Hals. Ich kommentierte alles, was ich gerade tat, damit sie keine Angst bekam. Der Verband wurde noch mit einem kleinen Herzchen verziert und Katja war sehr ruhig und ließ alles mit sich geschehen. Sie saß völlig zugestaubt auf dem Behandlungstisch, den rechten Arm in einer blauen Schlinge, mit dem linken hielt sie den Plüschhund fest.

Ich sage: „Hast du deinen Schreck überwunden?“

Sie nickte.

Ich fragte: „Sagst du mir deinen Nachnamen?“

Sie nickte, sagte aber kein Wort.

Ich überlegte, wie ich sie zum Reden bringen könnte. Ich sagte: „Wenn man vom Pferd fällt und dann so tapfer ist wie du, kriegt man ein Hanuta. Möchtest du ein Hanuta essen?“

Die Aussicht auf Schokolade brachte sie zum Reden. Sie kniff die Lippen zusammen und sagte: „Darff iff mir den Muund waffen?“

Feiner Reitplatzsand bröckelte aus ihrem Mund und sie drückte sich die Hand vor den Mund, um nicht noch mehr zu verlieren. Ich hob sie über die Spüle und öffnete den Wasserhahn. Sie hatte bei ihrem Sturz einen ganzen Mund voll Sand abgekriegt.

Ich sage: „ Aber Katja, du hattest die ganze Zeit diesen Sand im Mund, warum hast du denn nichts gesagt??“

Sie spülte wiederholt ihren Mund, spuckte das Wasser und den Sand aus und sagte: „Meine Mama hat gesagt, wenn Erwachsene reden soll ich zuhören und nicht dazwischenreden. Und als ich gefallen bin kam mein Reitlehrer und hat so viel geredet. Und dann kamst du und du hast auch die ganze Zeit geredet. Aber jetzt ist es ja gut. Danke für das Hanuta und darf ich jetzt wieder reiten gehen?“

 

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Henrik Hofmann

About Henrik Hofmann

Dr. Henrik Hofmann …. betreibt eine Kleintierpraxis in Butzbach/Hessen. Er ist spezialisiert auf Akupunktur und Schmerztherapie, seine Frau Daniela – ebenfalls Tierärztin – beschäftigt sich intensiv mit Zahnmedizin bei Kleintieren. Dr. Hofmanns spezielle Leidenschaften sind Schreiben und Fotografie. Einerseits auf diesem Blog, daneben aber auch für eine Reihe von Tierhalterzeitschriften und Tageszeitungen. Von ihm erschienene Bücher sind oben unter der Rubrik „Bücher“ beschrieben. www.tierundleben.de