Geht ein Reh zum Tierarzt…

„Wie süüüüß!“, entfährt es Frauchens und Herrchens im Wartezimmer, als ein Jäger ein Rehkitz herein bringt. Natürlich behandeln wir es. Juristisch ist das aber ein Problem. Und tut man Wildtieren damit wirklich einen Gefallen?

von Henrik Hofmann

Fundtier Rehkitz

Da geht kleinen wie großen Tierärztinnen das Herz auf: Ein verletztes Rehkitz ist auf Hilfe angewiesen.

Auch für unser Praxisteam ist es wunderschön, einem gefundenen Wildtier helfen zu können. Vor allem Tier-Kinder berühren unser Herz. Wir hatten schon Hasen und Kaninchen, Rehe und Füchse, Waschbären und Frischlinge, Bussarde, Raben, Krähen und Singvögel, Mäuse und Ratten, Igel natürlich …. und wahrscheinlich habe ich noch etliche vergessen. Ich freue mich auch, dass es noch Menschen gibt, denen Leben nicht gleichgültig ist, die die Tiere einsammeln und sie zu uns bringen, damit wir ihnen helfen können. Auf den Kosten dafür bleiben wir „natürlich“ meistens sitzen. Das ist nicht schlimm. Auch wenn es manchmal schon verwundert, dass es als selbstverständlich gesehen wird, dass Tierschutz nichts kostet. Auch verwundert die zweite Grenze der Liebe: Die meisten Finder (99,9%) sind nicht bereit, die Tiere zu päppeln und zu füttern und sauber zu machen und ihnen ein zu Hause zu geben.

Wie gesagt, wir lieben es, den Tieren zu helfen. Es gibt aber ein paar Probleme dabei. Juristische Probleme.

– Aus den Augen des Tierschutzrechtes ist die Haltung von Wildtieren in Gefangenschaft verboten und nur im Einzelfall durch die untere Naturschutzbehörde mit dem Ziel der Wiederauswilderung genehmigungsfähig. Manche Tiere wird man aber nicht mehr auswildern können…

– „Eignen wir uns das Tier an“ machen wir uns im Prinzip der Wilderei schuldig und können evtl. vom Jäger angezeigt werden. (Was wohl aber keiner tun wird.)

– Helfen wir dem Tier nicht, riskieren wir eine Anzeige, da wir dem Tier durch Unterlassen erhebliche kommt ein reh in die tierarSchmerzen und Leiden zugefügt haben.

– Behandeln wir es mit Arzneimitteln, kommen wir Tierärzte mit dem Arzneimittelgesetz in Konflikt: Denn es sind ja potentiell Tiere, die (nach der obligaten Auswilderung) „der Lebensmittelgewinnung dienen“. Die zuvor verabreichten Medikamente könnten dem Wildfleischkonsumenten schaden.

– Am „legalsten“ ist es, ein Wildtier einzuschläfern.

– Es sei denn, es handelt sich – wie neulich ein Kollege berichtete – beispielsweise um einen Wolf. Denn der steht unter Artenschutz und muss (um jeden Preis) gerettet werden!

Für Tierärzte also gilt: Tut Gutes, und schweigt darüber, denn ihr steht rechtlich auf dünnem Eis. Und bittet die Finder wenigstens einen Teil der Kosten zu übernehmen.

Tierfindern bin ich dankbar für ihr Engagenment. Und wünsche mir ein wenig Anerkennung für Tierärzte und andere „Retter“! Denn für sie ist „geht ein Reh“ nicht der Anfang eines Witzes sondern der Anfang von Arbeit und Kosten.

P.S. Wildtiere von weiterem Leiden zu erlösen kann in vielen Fällen auch deshalb sinnvoll sein, weil sie in Gefangenschaft derartige Angst ausstehen, dass sie nicht genesen „wollen“. Sie geben sich auf, helfen nicht mit beim Gesunden…

 

 

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Henrik Hofmann

About Henrik Hofmann

Dr. Henrik Hofmann …. betreibt eine Kleintierpraxis in Butzbach/Hessen. Er ist spezialisiert auf Akupunktur und Schmerztherapie, seine Frau Daniela – ebenfalls Tierärztin – beschäftigt sich intensiv mit Zahnmedizin bei Kleintieren. Dr. Hofmanns spezielle Leidenschaften sind Schreiben und Fotografie. Einerseits auf diesem Blog, daneben aber auch für eine Reihe von Tierhalterzeitschriften und Tageszeitungen. Von ihm erschienene Bücher sind oben unter der Rubrik „Bücher“ beschrieben. www.tierundleben.de