Gefährliche Reflexe oder: Wie ein Hamster fliegen lernte

Ein Gastbeitrag von Bettina Peters

Der passende Reflex zur richtigen Zeit kann Leben retten – oder zumindest vor schmerzhaften Erfahrungen schützen. Im täglichen Praxisgeschehen erlebt man da ja meiner Meinung nach eine Art natürlicher Selektion. Wer zu langsam ist, den bestraft das Leben. Bei uns natürlich in Form von Hunden, Katzen und anderen Ungetümen, die mit Genuss ihre Zähne oder Krallen versenken, wann immer sie die Gelegenheit dazu bekommen. Diejenigen allerdings, die sich noch nach zwölf Berufsjahren über vollständige Gliedmaßen und ein absolut tageslichttaugliches Aussehen freuen können, haben sich an die Gefahren ihres Lebensraums optimal angepasst. Ich zum Beispiel, wie ich an dieser Stelle nicht ohne Stolz hinzufügen möchte.

Wer also in der Tierarztpraxis überleben will, der braucht einen gut funktionierenden Fluchtreflex. Womit ich natürlich nicht sagen möchte, dass wir bei Anzeichen von Gefahr immer gleich die Beine in die Hand nehmen und fluchtartig den Raum verlassen. Das würde wohl doch etwas zu weit führen! Nein, nein, ich spreche davon, im passenden Moment – so wie beim Anblick schnell näherkommender Zähne – die Hand, das Gesicht oder andere gefährdete Körperteile in Sicherheit zu bringen. Auch wenn das manchmal bedeutet, wie ein Feigling auszusehen. Dann nämlich, wenn sich zum Beispiel der brave Familienhund schwungvoll umdreht, um Ihre Hand zu lecken, und Sie diese in Erwartung eines hinterlistigen Angriffs reflexartig wegziehen. So etwas wird immer wieder schnell mit Angst verwechselt. Und tiermedizinisches Fachpersonal, das Angst vor Tieren hat, kommt bei den meisten Besitzern gar nicht gut an! Aber sei’s drum: Da sehe ich lieber ab und zu mal aus wie ein Weichei, als mich ständig beißen zu lassen. Und darin sind sich wohl die meisten Mitarbeiter einer Tierarztpraxis einig. In mindestens einem Fall jedoch erinnere ich mich mit Schrecken an einen speziellen Reflex, der fast zu schwerwiegenderen Problemen geführt hätte.

An diesem besagten Tag assistierte ich meinem Chef höchstpersönlich bei der Kleintiersprechstunde. Der Big Boss war ein großer, schlanker Mann mit riesigen Händen, in denen Mäuse und andere Winzlinge immer etwas verloren wirkten. Nach einer Katze mit entzündeten Augen und einem Hund mit einer harmlosen Bissverletzung war ein Hamster an der Reihe, der sich aus unerklärlichen Gründen kratzte. Die ganze Familie war erschienen, um Hamster Fred zur Seite zu stehen. Die beiden kleinen Töchter trugen stolz die Transportbox und stellten sie vorsichtig auf dem Behandlungstisch ab.

„Na, dann wollen wir uns Fred mal genauer ansehen!“, verkündete mein Chef fröhlich in Richtung der besorgten Kinder und öffnete die Hamsterbox.

Fred dachte nicht daran, sich so einfach seinem Schicksal zu ergeben und flüchtete in die äußerste Ecke seiner Behausung.

„Ganz ruhig, ich tu dir doch nichts!“, säuselte der Tierarzt beruhigend.

Endlich hatte er Fred in die Ecke gedrängt. Behutsam griff er nach dem kleinen Tierchen. Schließlich hatte er ja versprochen, ihm nicht wehzutun. Umgekehrt gab es da natürlich keine konkreten Absprachen. Weshalb der Hamster ihm auch gleich mal ordentlich in den Finger biss. Reflexartig riss mein Chef seine Hand aus dem Käfig und den gesamten Arm im hohen Bogen in die Luft. Fred jedoch war nicht ganz so schnell gewesen wie der leidgeprüfte Tierarzt. Noch immer steckte er mit seinen winzigen Zähnchen in dessen Finger. Wohl oder übel hatte er also die unerwartete Reflexbewegung mitgemacht und sich tapfer geschlagen. Dann jedoch siegte die Fliehkraft. Hoch in der Luft verlor der Hamster den Halt – und sauste mit ordentlichem Schwung durch den Behandlungsraum. Schließlich bremste die Wand seinen unfreiwilligen Flug. Wie im Comic schien er kurz auf halber Höhe an der Wand zu verharren, das Gesicht zu einer ungläubigen Fratze verzogen. Endlich rutschte er mit weit von sich gestreckten Pfötchen langsam in die Tiefe.

Die ganze Zeit über hatte niemand ein Wort gesagt. Jetzt kam Leben in die Zuschauer. Erschrocken schnappten wir nach Luft und stürzten alle gleichzeitig auf den Hamster zu, der reglos auf dem Fußboden lag.

„Ist Fred tot?“, fragte eines der Mädchen mit Tränen in den Augen.

„Nein, der ist nicht tot, der ruht sich nur etwas aus!“, beruhigte ich sie und betete, dass das stimmte.

Vorsichtig hob mein Chef den Hamster auf. Und tatsächlich: Fred lebte! Langsam kam wieder Bewegung in den kleinen Körper, der auf den ersten Blick keine Verletzungen erkennen ließ. Konnte er diesen Stunt wirklich unbeschadet überstanden haben? Unter den kritischen Blicken der schockierten Besitzer checkten wir ihn von oben bis unten durch. Es ging ihm gut! Schweren Herzens erlaubte die Familie uns, ihn zur Beobachtung über Nacht in der Praxis zu behalten. Und wir hatten Glück: Am nächsten Tag konnten die beiden Mädchen ihren fliegenden Hamster gesund und munter nach Hause holen.

Nur mein armer Chef sollte noch lange von dem aufregenden Vorfall zehren. Dafür sorgte sein Praxisteam, das sich nach dem anfänglichen Schrecken köstlich über „Flying Fred“ amüsierte. Kurzerhand erteilten wir ihm ein Kleintierverbot: Ab sofort sollte er nur noch Tiere behandeln, die er unmöglich mit einer Hand heben konnte. Sicher ist sicher. Wenn der auch immer die Patienten an die Wand wirft…!

Aus dem Buch HundKatzeGraus von Bettina Peters mit freundlicher Genehmigung   http://www.hundkatzegraus.de/

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Henrik Hofmann

About Henrik Hofmann

Dr. Henrik Hofmann …. betreibt eine Kleintierpraxis in Butzbach/Hessen. Er ist spezialisiert auf Akupunktur und Schmerztherapie, seine Frau Daniela – ebenfalls Tierärztin – beschäftigt sich intensiv mit Zahnmedizin bei Kleintieren. Dr. Hofmanns spezielle Leidenschaften sind Schreiben und Fotografie. Einerseits auf diesem Blog, daneben aber auch für eine Reihe von Tierhalterzeitschriften und Tageszeitungen. Von ihm erschienene Bücher sind oben unter der Rubrik „Bücher“ beschrieben. www.tierundleben.de