Dispensierrecht der Tierärzte auf der Kippe?

Sind die Tierärzte dafür verantwortlich, dass unser Fleisch antibiotika-verseucht ist? Diese kleine Berufsgruppe zum Sündenbock zu machen ist politisch risikoarm und praktisch. Denn durch Antibiotika wird „tierquälerische Massentierhaltung“ erst möglicht. Und das will nicht zuletzt der Verbraucher. Oder?

Eine Studie, die besagt, dass fast jeder landwirtschaftliche Betrieb Antibiotika einsetzt, verführte einen Politiker zu der (Fehl-)Interpretation, dass jedes Hähnchen und jede Pute, die wir essen, mit Antibiotika behandelt worden seien. Als „Schuldige“ wurden schnell die Tierärzte ausgemacht. Schließlich verdienen sie an den abgegebenen Medikamenten. Das war medial wirksam, aber leider falsch, wie sich nun herausstellte. Dennoch ist eine lange überfällige Diskussion in Gang gekommen: Was ist los in unseren Ställen, mit unserem Essen?

Zunächst einmal dieses: „Massentierhaltung“ kann unterschiedliche Gesichter haben. Das ist so ähnliche wie

Mistkratzer - schön wärs, wenn alle Hühner so ein Leben hätten.

bei uns Menschen. Man kann auf dem „lustvollen Lande“ leben – und dennoch eine zu kleine, feuchte, schimmlige Wohnung haben in der Nähe verseuchender Industrie, zu wenig Geld und keine Idee, wie man sich „Bio“ ernähren soll. Und man kann in einer „miesen Großstadt“ wohnen – und hier ein gesundes entspanntes Leben führen. So ähnlich geht es unseren „Nutztieren“: Wie viele von ihnen ein Landwirt hält, sagt zunächst nichts darüber aus, ob es ihnen gut geht. Ich kenne genügend kleinbäuerliche Tierhaltungen, wo es den wenigen Tieren, die gehalten werden, schlicht beschissen geht. Ich kenne aber auch große Betriebe, in denen die Tiere Licht, Freilauf, gute Luft und Spielzeug haben. Zudem ist es heute durch die hohe Bevölkerungszahl und den enormen Bedarf an Fleisch nicht möglich, für alle qualitativ hochwertige Lebensmittel zu erschwinglichen Preisen aus kleinbäuerlicher Haltung zu produzieren….

Antibiotika als „Schlüsseltechnologie“

Die Frage ist immer, ob die Haltungsbedingungen stimmen.

Kritiker der Massentierhaltung sehen in Antibiotika die eigentliche „Schlüsseltechnologie“, um überhaupt sehr viele Tiere auf sehr engem Raum halten zu können. Das Gesetz erlaubt bei Hähnchen 42 Kilogramm Lebengewicht auf einem Quadratmeter Stallboden, was etwa 22 bis 23 Tieren entspricht. Ohne Antibiotika wären viele Tiermäster vermutlich gezwungen, die Besatzdichte in ihren Ställen zu verringern. Denn sind Lüftung, Einstreu und Futter nicht optimal, werden Tiere schneller krank, brauchen Antibiotika und Schmerzmittel, um das System aufrecht zu erhalten. Die Politik zielt nun darauf ab, den Tierärzten das Dispensierrecht zu nehmen, hofft, dass dadurch die Behandlung kranker Tiere erschwert wird und so das bestehende System nicht mehr funktioniert. Ein netter Gedanke, denn so hält man viele Wähler – sprich Industrie und Landwirtschaft- warm und verprellt höchstens ein paar Tierärzte.

Doch kann es der richtige Weg sein, Tieren Behandlung von Schmerz und Leid vorzuenthalten, um so auf einem Umweg ihre Haltungsbedingungen (vielleicht) zu verbessern? Oder um auf mein Beispiel von oben zurückzukommen: Ist Menschen, die in einer verschimmelten, feuchten Wohnung damit geholfen, wenn man ihnen das Asthmamittel vorenthält? Werden sie dadurch eine größere Wohnung bekommen? Wohl kaum … 

Zu dem häufig herangezogenen Argument, in anderen Ländern wie Dänemark – wo Tierärzte schon lange kein Dispensierrecht mehr haben – würden weniger Antibiotika verabreicht, zeigte sich nun, dass das nicht nicht am Entzug des Dispensierrechtes liegt: Der Antibiotikaverbrauch sank dort erst, als im vergangenen Jahr ein Verwarnungssystem für vielverbrauchende Tierhalter eingeführt wurde. Die Landwirte bekamen die Antibiotika nicht mehr vom Tierarzt sondern aus Apotheken ….

Hintergrundinformation: Resistente Erreger

Resistente Erreger sind Bakterien, die gegenüber den üblichen Antibiotika
unempfindlich geworden sind. Besteht diese Unempfindlichkeit gegenüber mehr
als einem Wirkstoff, so spricht man von multiresistenten Keimen. Diese Keime
sind besonders gefährlich, Natwest free phone number da es gegen sie keine wirksamen Medikamente gibt
und sie so schwer oder gar nicht heilbare Infektionen hervorrufen können.

Resistente Erreger können dann entstehen, wenn die Behandlung einer
bakterielle Infektion mit Antibiotika nicht zu Ende geführt wird oder die
Medikamente unterdosiert verabreicht werden. Die Erreger passen sich dann
ihrer Umwelt an, ehe sie durch den Wirkstoff abgetötet werden. Neue,
angepasste Bakterien-Generationen sprechen dann auf die Behandlung nicht
mehr an. Der größte Teil der heute bekannten multiresistenten Keime kann auf
Quellen in der Humanmedizin, insbesondere auf Krankenhäuser und Kliniken
zurückgeführt werden. Weiterhin können Resistenzen entstehen, wenn die
Bakterien in der Umwelt mit Antibiotika in Kontakt kommen.

(Anmerkung des bpt: Laut Europäischer Arzneimittelagentur liegen beispielsweise die Antibiotikaverbräuche in den Niederlanden und in Frankreich erheblich höher als in Deutschland.)

Maßnahmenkatalog des bpt für einen optimierten Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung zum download: www.tieraerzteverband.de

bpt-Präsident Dr. Hans-Joachim Götz: 
“Wir brauchen mehr Transparenz, wir brauchen bessere Monitoringsysteme, wir brauchen keine Skandalisierung, sondern einen sachgerechten Umgang mit dem Thema, damit sehr schnell weniger Antibiotika in der Nutztierhaltung eingesetzt werden.” 

Laut Götz sind Dispensierrecht und somit die kontrollierte Überwachung von Medikamentenabgabe und Behandlung von Tierbeständen durch den Tierarzt dringend notwendig, wenn der Einsatz von Antibiotika in der Nutztierhaltung zum Wohl von Mensch und Tier verringert werden soll. Ein Wegfall des tierärztlichen Dispensierrechts wird nur die größeren Betriebe fördern und keinesfalls automatisch zu einer Verringerung des Einsatzes von Antibiotika führen. Ohne wird es weniger Kontrollen geben, Medikamente werden teurer und die Überwachung des Einsatzes von Antibiotika wird erschwert.

Bundesministerin Aigner trifft Tierärztepräsident Dr. Götz

 

 

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Henrik Hofmann

About Henrik Hofmann

Dr. Henrik Hofmann …. betreibt eine Kleintierpraxis in Butzbach/Hessen. Er ist spezialisiert auf Akupunktur und Schmerztherapie, seine Frau Daniela – ebenfalls Tierärztin – beschäftigt sich intensiv mit Zahnmedizin bei Kleintieren. Dr. Hofmanns spezielle Leidenschaften sind Schreiben und Fotografie. Einerseits auf diesem Blog, daneben aber auch für eine Reihe von Tierhalterzeitschriften und Tageszeitungen. Von ihm erschienene Bücher sind oben unter der Rubrik „Bücher“ beschrieben. www.tierundleben.de