Der Schaf-Schamane

Warum gibt’s eigentlich hierzulande keine seriösen Schamanen? Ich meine solche, wie in Südamerika – die mit Zigarren Würmer austreiben. Dachte ich. Und traf einen.

Schamanistische Heilung in der Wetterau. Ganz ohne Rauch.

Ich fahre also über die sanften Hügel der Wetterau zu einem kranken Schaf und denke über Schamanen nach. Irmtraud hatte vor etlichen Jahren im Regenwald bei welchen Natwest phone line gelebt und von ihnen Zauber gelernt. (http://www.es-spricht.de/aussteigen-fur-eine-bessere-welt/) Hier in Deutschland allerdings funktioniert der Zauber Ecuadors nicht. Das musste sie feststellen, als sie die Wurmaustreibung mittels Rauch ihrem Hausarzt vorführen wollte… Aber sowas musste es doch auch – zumindest früher mal – bei uns gegeben haben? Bei den Germanen oder so?

Bei den Schafen angekommen erwarten mich Schäfer Grau und sein Sohn. Einige der Schafe haben Augenprobleme. Sie tränen stark, die Hornhaut ist trüb. „Pink-Eye“, sage ich wie aus der Pistole geschossen.

Pink-eye - der Name ist selbst-erklärend.

„Die ansteckende Keratokonjunktivitis ist weltweit ein großes Problem in Schaf- und Ziegenbeständen“, referiere ich. Vor Jahren hatte ich mal darüber geschrieben. „Die häufig durch Fliegen übertragene Erkrankung kann auch beim Menschen zum Problem werden. Das erste Anzeichen ist ein- oder beidseitiger Tränenfluss in Verbindung mit Bindehautentzündung und Lichtscheue. Schreitet die vor allem im angelsächsischen Raum als »Pink eye« bekannte Augenerkrankung weiter fort, erkrankt meist auch die Kornea, wird trüb und von einsprossenden Gefäßen durchzogen. Es handelt sich wohl um eine Mischinfektion, deren Auslöser allerdings Chlamydien sind.“

„Schön und gut“, sagen die Schäfer. „Aber was tun, Herr Doktor?“ Das Wort Augensalbe bleibt mir rechtzeitig im Munde stecken. Täglich mehrmals diese scheuen Schafe einzufangen, um ihnen Salbe in die Augen zu schmieren, schlage ich besser nicht vor. „Tja, die Fliegenbekämpfung …“, stottere ich und gehe im Kopf verschiedene Antibiotika durch.

Grau murmelt vor sich hin. Dann sagt er: „Herr Doktor, mein Vater hat mir mal was gezeigt.“ Er führt mich an einen Pferch. Darin ein paar Mutterschafe mit „Pink-eye“. „Schaun Sie. Man macht den Schafen ein Loch ins Ohr und zieht ein klein wenig ihrer Wolle durch. Und dann heilen die Augen aus!“ Ich bin ein alter Skeptiker: „Hm. Mit Wolle im Ohr nach zwei Wochen – ohne was nach vierzehn Tagen, oder?“ Die beiden Männer strahlen mich an. „Also doch! Mit der Wolle heilts nach einer Woche schon!“, sagt Grau. „Das ist der Beweis!“ „Mein Vater ist ein Schamane“, sagt der Jüngere und ich muss ihm Recht geben.

Verdammt, entfährt es mir auf der Heimfahrt. Woher wussten die bloß, dass ich vorher über Schamanen nachgedacht hatte?

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Henrik Hofmann

About Henrik Hofmann

Dr. Henrik Hofmann …. betreibt eine Kleintierpraxis in Butzbach/Hessen. Er ist spezialisiert auf Akupunktur und Schmerztherapie, seine Frau Daniela – ebenfalls Tierärztin – beschäftigt sich intensiv mit Zahnmedizin bei Kleintieren. Dr. Hofmanns spezielle Leidenschaften sind Schreiben und Fotografie. Einerseits auf diesem Blog, daneben aber auch für eine Reihe von Tierhalterzeitschriften und Tageszeitungen. Von ihm erschienene Bücher sind oben unter der Rubrik „Bücher“ beschrieben. www.tierundleben.de