Hunde unterliegen ähnlich Kleidung und Autos regelrechten Modewellen. In der Tierarztpraxis merkt man das rasch an den neu vorgestellten Welpen. Spätestens beim Sprung vom „exclusiven Accessoir“ zum „Massenprodukt“ springen Händler auf den fahrenden Zug auf. Kauft man bei ihnen, unterstützt man – auch ungewollt – qualvolle Haltungsbedingungen.
Als Kind war ich immer ganz versessen darauf, bei Karstadt in der Zooabteilung die kleinen Äffchen und Hundewelpen zu besuchen. Sie saßen in Vitrinen und Käfigen und ich kämpfte mit Gefühlen zwischen „ach, die armen“ und „och, wie süß“. Am liebsten hätte ich sie alle mitgenommen. Inzwischen gibt es natürlich längst keine Tiere mehr in der Schaufensterauslage – dachte ich zumindest. Doch bei Besuchen in unseren Nachbarländern wurde ich eines Besseren belehrt. Meine Familie und ich haltens selbst in den wenigen freien Tagen nicht ohne Tiere aus, wir besuchen Bauernhöfe, Tierheime und Pet-Shops in allen Ländern und so verschlug es uns beim Kurzurlaub in Paris in eine kleine Tierhandlung zwischen Mont Matre und Louvre. Ihre Wände sind voller Aquarien, gefüllt mit Sägespänen und Welpen – einzeln, in Zweier- oder Vierergruppen. Sie toben lustig herum, sobald man sich ihnen nähert.
Der passende Mops zur Handtasche
Zur chicen Handtasche trägt man zur Zeit offensichtlich Kurznasen, Möpse und Französische Bulldoggen stellen den größten Teil der »Ware«. Daneben zwei Aquarien gefüllt mit Chihuahuas. Der Laden ist voller Touristen und ihren Kindern, und auch meine Kinder bestaunen die Hunde in ihren Auslagen. Sie sind süß und wecken Lust, zuzugreifen, sie an sich zu drücken und mitzunehmen. Ein vertrautes Gefühl aus Kindertagen überkommt mich, bei meiner Frau greift das „Kindchenschema“, das Kurznasen allesamt bedienen. Ich schaue mich in Ruhe um. Rechts, gleich am Eingang, sind die »Ladenhüter« gelagert: eine Französische Bulldogge etwa, die längst nicht mehr niedlich ist. An der Scheibe mit Filzstift der Ursprüngliche Preis von 800 Euro durchgestrichen, darunter das Sonderangebot: jetzt nur noch 600 Euro! Was wird der Rüde wohl in weiteren Wochen kosten, wenn ihn keiner nimmt? Und was geschieht mit Hunden, die gar nicht gekauft werden? Oder krank sind? Ein Hund, der im Aquarium groß geworden ist, dürfte schwerlich stubenrein werden und noch schwerer zu sozialisieren sein…. Tierheim oder Tonne? Sollen wir die kleine Bulldogge aus Mitleid mitnehmen?
Mitleid unterstützt den Handel
Diese Fragen kennt Tierärztin Dr. Madeleine Martin, Landestierschutzbeauftragte des Landes Hessen mit derzeitigem Dienstsitz in Brüssel nur zu gut. Sie berichtet, dass Tiere aus „Zuchtfabriken“ oft mit schweren Infektionskrankheiten wie Staupe oder Parvovirose und manchmal gar mit Tollwut infiziert sind. Impfungen sind häufig nicht sachgerecht durchgeführt oder nur vorgetäuscht. Zumeist übertragen solche Hunde Parasiten wie Spul – oder Hakenwürmer, die vor allem Kinder schädigen können. Zum Ausbruch kommt es häufig erst nach dem Kauf. Weitere böse Überraschungen können schwerwiegende Erbdefekte oder auch Verhaltensstörungen sein, die sich erst im Laufe des Heranwachsens zeigen. Beispiele für Störungen sind Überängstlichkeit, Instabilität in ungewöhnlichen Situationen, Unsicherheit im ganz normalen Alltag und nicht selten Beißen aus Angst heraus. „Der Grund für diese oft nicht behebbaren Störungen liegt in der menschenfernen, kargen Umgebung, in der die Tiere oft ihre ersten Lebenswochen verbringen“, so Martin weiter. Es fehle an Kontakten zu Menschen und Umweltreizen, die Welpen in diesem Alter fit für ihr Leben machen.
Ein teures „Schnäppchen“
Doch zurück in den kleinen Laden an der Seine. Wir betrachten all die süßen Welpen, als nach einer Weile ein junges Paar mit einem Welpen in den Laden kommt, um zu reklamieren: Er sieht erbärmlich aus, hat grippeähnliche Symptome. Die Besitzer dieses jämmerlichen Hündchens haben Glück im Unglück: Voraussichtlich wird der Händler »wandeln« – schon allein, um Auseinandersetzungen und schlechte Presse zu vermeiden. Normalerweise geht das anders aus: Ein vermeintliches „Schnäppchen“ kann sich als äußerst teuer entpuppen. Denn zum reinen Kaufpreis kommt schnell ein hübsches Sümmchen an Kosten für den Tierarzt hinzu.
Was ist „Hobbyzucht“?
„Weder bei uns in Deutschland noch im Rest von Europa gibt es ein Verbot, Hunde feilzubieten und sie im Schaufenster auszustellen«, berichtet Martin gegenüber DER HUND. „Glauben sie bitte nicht, dass das nur in Frankreich und England so ist. In Belgien habe ich unvorstellbare Haltungsbedingungen gesehen.“ In Deutschland läuft der Handel weniger über Geschäfte und Supermärkte. Hierzulande „tarnen“ sich Händler häufig als Züchter und inserieren in Zeitung und Internet. Besonders beliebt ist der äußerst dehnbare Begriff der „Hobbyzucht“. Bei Händlern findet man typischerweise Welpen verschiedener Rassen, nicht aber die passenden Hündinnen. Die sind dann aus gewichtigen Gründen „gerade mal nicht da«. Ebenfalls beliebt in Händlerkreisen ist die Übergabe auf Parkplätzen und Raststätten.
Die Toten werden weggeworfen
Wie sie bis zu uns gelangen, beschreibt Martin in drastischen Worten. „Die Welpen werden beispielsweise in Tschechien für zehn Euro das Stück produziert und können via Internet bestellt innerhalb weniger Stunden geliefert werden.“ Immer wieder fliegen solche Transporte auf. Die viel zu früh von ihrer Mutter weggenommenen Welpen – sie müssen ja lange genug „süß“ bleiben – werden in Kisten im Kofferraum transportiert, im Sommer häufig ohne Klimaanlage und ohne ausreichende Trinkwasserversorgung. Die Toten werden weggeworfen, der Rest möglichst schnell verkauft – bevor Krankheiten ausbrechen können. Die im Impfpass vermerkten Impfungen sind in der Regel noch nicht wirksam, Papiere häufig schlicht falsch.
Noch Tage nach diesem Erlebnis geht uns die kleine Bulldogge im Kopf herum. Meine Kinder glauben, wir hätten sie „retten“ sollen. Doch es ist klar: wer bei Händlern kauft, rettet bestenfalls das eine Tier, sorgt aber gleichzeitig dafür, dass der Händler nachlegt und im Zweifel auf den nächsten verrückten Tierfreund zählen kann. Eine Sache von „Angebot und Nachfrage“ eben. Eine traurige Geschichte für ein modernes Europa.









Schrecklich, as ist eigentlich mit Hunden aus Spanien. Habe gerade einen süßen Mischling angeboten bekommen. Marion
Das ist echt schlimm, aber da muss man nicht mal ins Ausland gehen.
Siehe die Welpenstube in Dorsten! Furchtbar, ich weiß nicht wie man dort kaufen kann!!!
http://www.wdr.de/tv/markt/sendungsbeitraege/2010/0222/02_welpenhandel.jsp
http://www.welpenstube-winkel.de/index1.html
Sehr gut geschriebener Artikel……..aber werden die Leute wirkich schlau ? Diese “Geiz-ist-geil”-Masche scheint immer mehr auch Anwendung zu finden, wenn es um Rassehund oder Rassekatze geht.
Es gibt leider – sogar in 2010 – noch “ehrenwerte Leute, angebliche Tierfreunde und Tierschützer”, die meinen “mit dem Hund vom Hinterhofzüchter ist man auch nicht schlechter dran als mit dem vom regulären Züchter – nur ist der vom Hinterhofzüchter billiger”.
Solange falsche Maßstäbe angelegt werden, wird es immer wieder Leute geben, bei den der Kaufpreis als primäres Kriterium gilt – gut gehaltene, gesundheitsgetestete Elterntiere (ja !!! das verursacht erst mal Kosten – und nicht zu knapp – aber es muß ja keiner züchten) sind zwar keine 100%ige Garantie – aber sicherlich kommen aus solchen Eltern eher gesunde Hunde-Kinder als aus Eltern, die schlecht gepflegt, schlecht ernährt, insgesamt schlecht gehalten werden und nur zur Produktion existieren. – Und nein, man braucht nicht Richtung Osten oder Südosten oder Süden zu gehen – das gibt es auch mitten in Europa – mitten in Deutschland – genau so, wie es auch “anständige” Züchter in Osteuropa oder Südeuropa gibt – aber diese werden die Welpen auch nicht für 50 oder 100 Euro aus dem Kofferraum raus “verscherbeln” – die bringen zwar vielleicht unter Umständen einen Welpen nach Deutschland – aber die können dann auch alle erforderlichen Papiere (angefangen von Ahnentafeln der Eltern über EU-Pass, über Wurfabnahmen beim jeweiligen Kennelclub usw.) vorlegen – und diese halten dann der Überprüfung stand.