Aussteigen für eine bessere Welt

26 Jahre war Irmtraud Fäthke glückliche Tierärztin. „Ich habe mich aber immer gefragt, was ist meine Aufgabe im Leben? Als die Kollegen um mich herum an Herzinfarkten starben, bin ich ausgestiegen.“ Sie lebte mit Indianern im Regenwald, gründete ein Ökodorf, ging für die Freiheit der Kurden in den Knast …. und lebt heute gemeinsam mit internationalen Friedensaktivisten in Portugal.

Kein Artikel über „die Leidenschaften der Tierärzte“* fällt mir so schwer, wie die Geschichte meiner ehemaligen Chefin Irmtraud. Denn es geht hier nicht allein um ein intensives Hobby, sondern um die Leidenschaft für eine bessere Welt. Nach einem langen Telefoninterview mit ihr konnte ich nun diesen Artikel schreiben.

* Die Leidenschaften der TierärzteVetpress-Verlag, ISBN-13: 978-3940254016; 144 Seiten, 85 Farbfotos, Preis 16,95 Euro

Von einer Tierklinik in Ostfriesland aus hatte ich mich in den 90er-Jahren in ihrer überwiegend mit Naturheilverfahren ausgestatteten Kleintierpraxis in der Nähe von Frankfurt/Main beworben. Mit einem Vorstellungsgespräch hatte der Termin bei Frau Dr. Fäthke dann aber wenig zu tun, es war eher ein Plaudern über Beruf, Weltanschauung – und meinen Vater, mit dem sie als seine Assistentin gearbeitet hatte. Später sollte sich herausstellen, dass sie mich eigentlich nur eingeladen hatte, um „den Sohn vom alten Hofmann mal kennen zu lernen“. Ein männlicher Assistent hatte eigentlich nicht zur Diskussion gestanden … . Dennoch: Sie stellte mich ein und der Job sollte sich als einer der außergewöhnlichsten der gesamte Branche entpuppen.

Tiermedizin und Black-Panther

Den Einstieg in die Friedensbewegung fand sie bereits 1968 durch einen afroamerikanischen Lebensgefährten. „Durch ihn habe ich den Vietnamkrieg sehr nahe mitbekommen, Apartheitspolitik den USA, die Black-Panther-Bewegung und Martin-Luther-King. Ich habe erfahren, was Rassismus ist.“ Sie führte ein wildes, aufregendes Leben und wurde dann durch den Selbstmord des Vaters lange Zeit aus der Bahn geworfen. Dennoch zog sie erfolgreich das Studium der Veterinärmedizin durch. Anschließend schlug Irmtraud den Weg in die Nutztiermedizin durch Vertretungen in verschiedenen Großtierpraxen im Westerwald ein.

Zusehens veränderte sich ihr Blickwinkel auf den Beruf. Die Rinder wurden mit den Jahren immer weniger als Wesen wahrgenommen, die Tierhaltung änderte sich vom kleinen Stall, in dem jede Kuh mit Namen angesprochen und einmal die Woche gestriegelt wurde, hin zur „Massentierhaltung“. Während ihrer Promotion arbeitete sie in Berlin-Spandau auf dem Schlachthof. „Denke ich heute an diese Zeit zurück, raubt mir das den Schlaf! Es war einfach gruselig! Die einzige Alternative wäre Tropenmedizin gewesen, als Frau aber war es damals kaum möglich“, sagt sie. Die anfängliche Begeisterung an der Großtierpraxis wandelte sich also immer mehr in Zweifel und sie wechselte in die Kleintiermedizin.

Neben einer eigenen Praxis in Sprendlingen war sie für 15 Jahre bei den Grünen aktiv als „Nr. 53 der frühen hessischen Grünen“, selbst im Stadtparlament. Damals nannte man Leute wie sie „Fundis“. Joschka Fischer und seine „Realos“ dominierten aber die Partei, die für Irmtraud immer weniger glaubwürdig und konsequent wurde. Sie engagierte sich gegen die Startbahn West, kämpfte für die Unabhängigkeit der Kurden,für Naturschutz und für die sogenannte Dritte Welt. „Bei mehreren Arbeitseinsätzen im revolutionären Nicaragua habe ich irgendwann erkannt, welchen Luxus wir mit unseren Tieren hier treiben. Dort starben reihenweise Kinder in schlecht ausgestatteten OPs und hier wurde jeder Hund besser versorgt!“ In der eigenen Praxis entsagte sie zusehends der Technik und erwarb als eine der Ersten die Zusatzbezeichnungen für Akupunktur und Homöopathie.

Betriebsausflug zur Demo

Irmtrauds Idealismus und Suche nach einer gerechten und friedlichen Welt machte zu Praxiszeiten auch vor ihrer eigenen Person und ihrer Umgebung nicht halt. 1986 bereits schaffte sie wegen des Sterbens der Wälder ihr Auto ab. Hausbesuche wurden künftig bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad gemacht, ganz zum Erstaunen des Klientels und der Kollegen. In ihrer Natwest Isa accounts Lebenshaltung wurde sie zunehmend radikaler und bewusster. Die Gäste privater Partys setzten sich zusammen aus verfolgten Kurden, Öko-Politikern, Indianern ohne Regenwälder und etlichen Sozial-Aktivistinnen. Praxis-Maskottchen war Friedenstaube „Jovita“, die frei zwischen Hunden und Katzen im Behandlungsraum umherflatterte. Zu ihren größten Fans gehörte die Frau eines bekannten hessischen CDU-Politikers. Diese „zwang“ auch gelegentlich ihren Gatten zu Besuchen in der Praxis. „Wenn ich hier im Wartezimmer sitze“, gestand er mir, „da muss ich mir immer die Augen zuhalten. Diese ganze Propaganda gegen Krieg, Atomkraft, die Türkei und die USA an den Wänden … schrecklich!“ Häufig verbrachte die Chefin ihre dreimonatige „Urlaubszeit“ im Krisengebiet Nicaragua bei verschiedenen Arbeitseinsätzen, wie Baumpflanzaktionen, Flüchtlingsdorfaufbau, im Gesundheitswesen sowohl für Tiere wie auch für Menschen und vor allem in der Unterstützung von Frauenprojekten, speziell Naturheilverfahren. Selbst Betriebsausflüge waren verbunden mit politischer Anteilnahme und Aktivität, z.B. nach Wackersdorf. Dazu eine Anekdote: Beim Aufräumen der Praxislagerräume fand ich eines Tages eine seltsame blonde Perücke. Irmtraud lachte, als ich sie darauf ansprach. „Das war mal meine Verkleidung bei wilden Plakatierungen. Ich hab mich immer sicher gefühlt, weil ich dachte, dass mich damit keiner erkennt. Aber eines Tages stand ich spät abends so verkleidet auf einer Leiter und brachte ein Schild gegen die Startbahn West an einer Ampel an. Da kam ein älteres Ehepaar vorbei, blieb am Fuße der Leiter stehen und schaute hoch zu mir: Na, Frau Dr. Fäthke, das ist aber mal ein schöner Abend heute, gell? Seit dem habe ich das Zeug nicht mehr getragen….!“

„Ein Herzinfarkt wäre mir persönlich peinlich gewesen“

„Als 52jährige gab ich meinen Beruf gerne auf“, sagt sie heute. „Irgendwann wurde mir klar, dass ich – so lange ich noch fit und gesund bin – was anderes machen wollte. Um mich herum bekamen schon jüngere Kollegen Herzinfarkte und auch ich litt bereits unter Burnout.“ Während einer Delegationsreise für Menschenrechte in das bürgerkriegsähnliche Kurdistan kam die Erkenntnis, dass „die Pfade der Guerilla ebenso mit Toten gepflastert sind wie die Wege der türkischen Militärdiktatur“. Es war für Irmtraud an der Zeit eine neue Form der Friedensarbeit zu finden. Sie verkaufte ihren gesamten Besitz, lebte zunächst für einige Zeit mit Schamanen des Stammes der Shuares im Amazonas-Dschungel und lernte deren „Zaubermedizin“ kennen. Zurück in Deutschland war sie 1997 Mitbegründerin des Ökodorfes Siebenlinden in der Altmark mit den Schwerpunkten Gemeinschaft, soziales und ökologisches Leben im Einklang mit der Mitwelt. Ihr persönlicher Schwerpunkt waren Gesundheitsvorsorge und Kräutermedizin. Ich besuchte Irmtraud während dieser Zeit. Für meine Kinder war es ein Erlebnis zu sehen, dass ein erwachsener Mensch ganzjährig in einem Bauwagen lebte, sich ökologisch-vegan ernährte und zum Waschen in einen See sprang – im Winter natürlich erst, nachdem die Eisdecke aufgepickelt war. Zehn Jahre später verließ Irmtraud Siebenlinden und zog nach Portugal. „Für mich ist es ein Privileg, dass ich als 63jährige Frau an der Monte-Cerro-Universität ein Zweitstudium der ganz besonderen Art erleben kann“, sagt sie. „Das

Heilungsbiotop Tamera im Süden Portugals ist eine internationale Ausbildungs- und Experimentierstätte für den Aufbau von Friedensdörfern und Heilungsbiotopen weltweit. Unter dem Motto lokal handeln, global wirken leben, arbeiten und studieren dort derzeit rund 200 Menschen. Das Ziel von Tamera ist der Aufbau eines Pilotmodells für ein gewaltfreies Zusammenleben von Menschen und zwischen Mensch und Natur. Die Schwerpunkte der Arbeit von Tamera liegen zur Zeit in der dreimonatigen Ausbildung „Monte Cerro“ überwiegend junger Menschen zu Friedensarbeitern, weiterhin im Aufbau des energie-autarken Modelldorfes „Solar Village“, einer politisch-globalen Netzwerkarbeit und einem Tierprojekt. Irmtrauds Schwerpunkt ist auch dort die Kräutermedizin. Noch immer arbeitet sie zeitweise in Lateinamerika, verstärkt in Kolumbien. „Wir schützen unterdrückte und verfolgte Landbewohner im Friedensdorf San José de Apartadó durch unsere internationale Anwesenheit und helfen ihnen den Weg zurück zu ihrer Naturmedizin zu finden! Ich spüre, dass mir das Leben diese Aufgabe zugeteilt hat. Als reife Frau bin ich für traumatisierte und weniger privilegierte Frauen dort eine Hoffnungsträgerin.“

„Als ehemalige Tierärztin sehe ich mich immer noch in der Verantwortung aufzuklären und eine Antwort auf die Frage zu finden wie Nutztierhaltung in der heutigen Zeit überhaupt noch vertretbar ist. Jede Sekunde verhungert ein Mensch und über 60 Prozent der Weltgetreideernte landet in den Futtertrögen der Reichen. Ein brisantes Thema, das vor allem auch das Tierprojekt in Tamera beschäftigt, zum Beispiel bei der Frage der Ernährung unserer vielen zugelaufenen und geretteten Hunde und Katzen. Heute bin ich dankbar, dass mich mein Weg in diese Gemeinschaft brachte mit einer Lebensvision und Hoffnung, die ausgerichtet ist auf eine Zukunft ohne Krieg und ein solidarisches Miteinander aller Wesen.“

Auch wenn Irmtrauds Weg sicherlich nicht der meine ist – ich bin ihr dankbar für die Zeit, die wir zusammen gearbeitet haben und für die Einblicke, die sie mir in eine ganz andere Sichtweise des Lebens gewährt hat.

 

Es wäre schön, wenn ihr Irmtrauds Projekte unterstützen könntet!

Hier die Koordinaten für eine Spende:

GLS Gemeinschaftsbank Bochum
Kontoinhaber: Netzwerk für eine Humane Erde
Kontonr.: 400 141 9100
BLZ: 430 609 67
IBAN: DE60 4306 0967 4001 4191 00
BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: „Spende“!


Be Sociable, Share!
Henrik Hofmann

About Henrik Hofmann

Dr. Henrik Hofmann …. betreibt eine Kleintierpraxis in Butzbach/Hessen. Er ist spezialisiert auf Akupunktur und Schmerztherapie, seine Frau Daniela – ebenfalls Tierärztin – beschäftigt sich intensiv mit Zahnmedizin bei Kleintieren. Dr. Hofmanns spezielle Leidenschaften sind Schreiben und Fotografie. Einerseits auf diesem Blog, daneben aber auch für eine Reihe von Tierhalterzeitschriften und Tageszeitungen. Von ihm erschienene Bücher sind oben unter der Rubrik „Bücher“ beschrieben. www.tierundleben.de