„A Storybook of Life“ – eine Fotoausstellung

Täglich bricht eine Flut von Bildern über uns herein, Fotografie hat mittlerweile etwas Inflationäres und Beliebiges. In der Schirn erzählt Philip-Lorca diCorcia mit „gestellten, durchgeplanten Schnappschüsse“ Geschichten, die berühren – gerade weil sie „erfunden“ sind. Und durchbricht die Beliebigkeit.

diDorcia Schirn

PHILIP-LORCA DICORCIA The Hamptons, 2008 (101.6 x 152.4 cm) Courtesy the artist and David Zwirner, New York/London

Gezeigt werden mehrere Serien. Sie alle wirken auf den ersten Blick wie Schnappschüsse – was sie aber nur zum Teil sind. In Wirklichkeit sind sie minutiös durchgeplant und vor allem aufwändig ausgeleuchtet. In der Serie „Streetwork“ fotografiert Philip-Lorca diCorcia Passanten in New York auf dem Weg von oder zur Arbeit. Sind sie an der „richtigen“ Stelle, drückt er den Auslöser, die Beleuchtung zündet, es entstehen Bilder, die durch ihre Perfektion die Menschen plastisch in einen Zusammenhang setzen. Die Konturen der Menschen sind dank der künstlichen Beleuchtung gestochen scharf. Die Stadt, die Straßenfluchten und Kreuzungen im Hintergrund sind ebenfalls mit Tiefenschärfe erfasst und wirken wie Kulissen für das Geschehen im Vordergrund, in den die Protagonisten wie nachträglich auf eine Bühne eingesetzt wirken. Zeit und Dauer spielen keine Rolle, vielmehr wird die Flüchtigkeit des Moments unterstrichen.

Schirn_Presse_diCorcia_Hong_Kong_1996

Am faszinierendsten fand ich „A Storybook of Life“. Eine Art Tagebuch. Er nennt nur Jahr und Ort. „Das Widersprüchliche der Fotografien von diCorcia liegt auch darin, dass die banal, intim und real wirkenden

PHILIP-LORCA DICORCIA Sylmar, California, 2008 Inkjet print 56 x 71 inches (142.2 x 180.3 cm) Courtesy the artist und David Zwirner, New York/London

PHILIP-LORCA DICORCIA Sylmar, California, 2008 Inkjet print 56 x 71 inches (142.2 x 180.3 cm) Courtesy the artist und David Zwirner, New York/London

Alltagsmomente inszeniert sind“, sagen die Ausstellungsmacher. „Die vermeintlich spontan festgehaltenen Bilder sind von Anbeginn nach Anweisungen des Künstlers arrangiert: das Liebespaar vor einer Taftgardine, das im Begriff ist, sich zu küssen; die dunkelhaarige Frau, die sich zu ihrem Pudel neigt; Vater und Tochter am Strand vor ihrer Sandburg. Es sind nicht die ‚wahren Geschichten‘, denen diCorcia auf der Spur ist. Seine Porträts sind nicht dokumentarisch, auch wenn sie zunächst so erscheinen mögen; sie sind vielmehr Konstruktionen einer Wahrheit auf übergeordneter Ebene, wobei der metaphorische Prozess der Fotografie zum Vorschein gebracht wird.“

Die durch dramatische Lichtgebung erzeugte malerische Qualität von diCorcias Arbeiten wird besonders in der 2004 entstandenen Serie Lucky 13 deutlich. Der Künstler hält die athletischen, nackten Körper von Stangentänzerinnen (Poledancern) mitten in einer fallenden Bewegung im Bild fest. Durch die starke Beleuchtung der Frauen und den fast schwarzen Hintergrund erhalten sie eine skulpturale Plastizität und scheinen wie in Stein gemeißelt. Obwohl der Serientitel Lucky 13 – eine amerikanische Redensart, um Unglück abzuwehren – auf das zwielichtige Milieu von Stripbars verweist, strebt der Künstler weder eine Sozialstudie an, noch zelebriert er Voyeurismus. Vielmehr werden die Darstellerinnen zu Metaphern von Vergänglichkeit, Glück oder dem Moment des Absturzes. Das Bild des „gefallenen Engels“ drängt sich auf.

PHILIP-LORCA DICORCIA New York, 1993 Ektacolor print 30 x 40 inches (76.2 x 101.6 cm) Courtesy the artist und David Zwirner, New York/London

PHILIP-LORCA DICORCIA New York, 1993 Ektacolor print 30 x 40 inches (76.2 x 101.6 cm) Courtesy the artist und David Zwirner, New York/London

„Lucky 13‘ ist eine amerikanische Redensart, um eine Pechsträhne abzuwehren. Die Serie aus dem Jahr 2004 gibt vordergründig einen Einblick in das zwielichtige Milieu von Stripbars und Glücksspiel. Doch handelt es sich bei den Lucky 13 nicht um Dokumentarfotografie im Sinne einer Sozialstudie zur Frage nach Sexualität und Ausbeutung. Die Darstellerinnen führen uns nicht nur ihre Nacktheit und unseren Voyeurismus vor Augen, sondern sie werden zu Metaphern der Vergänglichkeit des Körpers, des Glücks, des Moments. Es ist nicht das Rotlichtmilieu, das diCorcia fasziniert, sondern vielmehr der Einsatz, den seine Protagonisten bereit sind, aufs Spiel zu setzen: „Menschen, die am Rand leben, begeben sich auf verschiedene Arten in riskante Lagen. Und das zieht mich an.“ Kein Wunder also, dass sich eine Serie mit männlichen Prostituierten in Hollywood beschäftigt.

Die Ausstellung läuft noch bis 8. September. Und ich kann sie nur empfehlen! Und das nicht nur, weil auch Tiere Geschichten in diCorcias Bildern erzählen:-)

Der US-amerikanische Künstler Philip-Lorca diCorcia gehört zu den wichtigsten zeitgenössischen Fotografen seiner Generation. Geboren 1951 in Hartford, Connecticut, studierte er bis 1975 an der School of the Museum of Fine Arts in Boston, bevor er 1979 an der Yale University den Master of Fine Arts in Fotografie erwarb. Seit den frühen 1980er-Jahren lebt und arbeitet er in New York. Die umfangreiche Ausstellung in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt zeigt erstmals in Europa, sein Werk von den Anfängen in den 1970er-Jahren bis hin zu der noch nicht abgeschlossenen Serie East of Eden zu entdecken.

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Henrik Hofmann

About Henrik Hofmann

Dr. Henrik Hofmann …. betreibt eine Kleintierpraxis in Butzbach/Hessen. Er ist spezialisiert auf Akupunktur und Schmerztherapie, seine Frau Daniela – ebenfalls Tierärztin – beschäftigt sich intensiv mit Zahnmedizin bei Kleintieren. Dr. Hofmanns spezielle Leidenschaften sind Schreiben und Fotografie. Einerseits auf diesem Blog, daneben aber auch für eine Reihe von Tierhalterzeitschriften und Tageszeitungen. Von ihm erschienene Bücher sind oben unter der Rubrik „Bücher“ beschrieben. www.tierundleben.de