»Tierschutz in Zeiten der Globalisierung«

Die wirtschaftliche Umstrukturierung einer globalisierten Welt und die Öffnung vieler Märkte setzen die landwirtschaftliche Produktion Europas zunehmend unter Druck. Müssen wir diesem Druck unsere Wertvorstellungen und Vorgaben hinsichtlich Tierschutz opfern oder bieten sie die Chance, mit Hilfe des »Marktvorteils Tierschutz« neue wirtschaftliche Wege zu gehen?

Begriffe wie »Massentierhaltung« oder »Tiertransporte« haben durch den globalen Handel eine völlig neue Bedeutung erlangt. Wird ein deutscher Landwirt schon bei Haltung von 100 Tieren als »Massentierhalter« eingestuft, gehören in Nord- und Südamerika Bestände mit 100.000 Tieren noch zum Mittelfeld. Hält man in Europa Transportzeiten von 24 Stunden am Stück für unzumutbar, liegen die Transportzeiten etwa von Neuseeland nach Saudi-Arabien bei einem Monat – und das unter Bedingungen, die nach unseren Maßstäben völlig inakzeptabel sind. Obgleich wir Europäer die Messlatte für Tierschutz sehr hoch gehängt haben, wird er weltweit und auch in Europa wirtschaftlichen Erfordernissen weitgehend untergeordnet. »Gleichzeitig hat unser Wissen über Ethik, Schmerzempfinden und Biologie stetig zugenommen«, eröffnete die Hessische Tierschutzbeauftragte und Kollegin Dr. Madeleine Martin  die Diskussion zwischen Vertretern von Wissenschaft, Industrie und Tierschutzorganisationen Ende September im Hessischen Ministeriums für Umwelt, ländlichen Raum und Verbraucherschutz in Wiesbaden. »Und dieses Wissen verpflichtet uns Regeln aufzustellen, die nicht nur europäisches Wirtschaftsdenken widerspiegeln.«

»Tiere zurechtschneiden«

Einen sehr konkreten Einstieg in das Thema lieferte Tierarzt Dr. Johannes Baumgartner vom Institut für Tierhaltung und Tierschutz der Uni Wien. Er ging der Frage nach, ob wir »Tiere zurechtschneiden dürfen, damit sie in unser Produktionssystem passen« und stellte Routineeingriffe vor, die – teils von Tierärzten, teils vom Landwirt selbst – mit oder ohne Betäubung durchgeführt werden. Baumgartner nannte das Kürzen der Schwänze bei Schweinen, Rindern und Schafen, das Enthornen von Rindern und Ziegen, Kastrationen von Schweinen, Wiederkäuern undGeflügel, Zähnekürzen, das Einziehen von Ohrmarken, Tätowieren, Nasen- und Zungenringe bei Schweinen und Rindern, das Kürzen der Schnäbel und Amputationen von Kopfbehängen und Zehengliedern wiederum beim Geflügel. Viele dieser Routineeingriffe, wie etwa das Kürzen der Schwänze, müssten vorgenommen werden, um mangelhaftes Management in Produktionsbetrieben aufzufangen – die »Ware Tier« werde dem System angepasst. Ursachen lägen in zu hoher Besatzdichte, falscher Stalleinrichtung, falscher Ernährung, falschem Klima, mangelhafter Hygiene und vielem mehr. Sie zögen akute und chronische Schmerzen, Stress, Todesfälle, Leistungseinbußen, Komplikationen oder die Behinderung des (arttypischen) Ausdrucksverhaltens nach sich. Alternativen stünden dabei längst zur Verfügung. Ersatzmethoden für die Kastration seien beispielsweise Ebermast oder chemische Kastration (Immunokastration). Länder wie Norwegen und der Schweiz sind in dieser Hinsicht schon heute wegweisend.

Kükentötung »offensichtlicher Rechtsbruch«

Der auf Tierschutzfragen spezialisierte und in Kreisen der Geflügelindustrie gefürchtete Jurist Christoph Maisack aus Bad Säckingen stellte Probleme der Geflügelproduktion vor. Männliche Küken aus Legehennenzuchtlinien seien für die Mast ungeeignet. Brauche ein Fleischhähnchen zur Erlangung des Mastendgewichtes fünf bis zehn Wochen, seien 17 bis 20 Wochen zur Mast der  Legehennenküken notwendig. »Sind ökonomische Gründe für so etwas als »vernünftig« zu bezeichnen?« Die  genannten Zahlen sind auch hier beträchtlich: jährlich würden allein in Deutschland 40 bis 45 Millionen Tiere mit  Kohlendioxid vergast oder »im Homogenisator unbetäubt zerschmettert«.

Als Lösungsansätze nannte er die Entwicklung eines »Zweinutzungshuhns«, einer Zuchtlinie also, die für Eier- und  Fleischproduktion geeignet ist. Hieran bestünde bei den Kükenproduktonsfirmen leider wenig Interesse. Die Geschlechtsbestimmung am Ei sei derzeit noch nicht umsetzbar. Dritte Möglichkeit sei die Nutzung der Legehennen über längere Perioden. Nachteil ist hierbei, dass die Tiere dann in die Mauser kommen und dadurch zu einem Produktionsausfall führen. Eine finanzielle Unterstützung der Landwirte sei in dieser Zeit unumgänglich. Sei Fazit: »Das alles ändert nichts daran, dass das Töten dem Tierschutzgedanken widerspricht, es handelt sich um einen offensichtlichen Rechtsbruch! Um das zu ändern müssen finanzielle Anreize für die landwirtschaftlichen Produzenten geschaffen werden!«

Tiertransport auf globaler Ebene

Schwerpunkt der Arbeit der Tierschutzvereinigung Animal’s Angels ist Beobachtung und Dokumentation von Tiertransporten innerhalb und außerhalb von Europa. Die Aktivistin Iris Baumgärtner berichtete, dass der globale Handel zu einer Spezialisierung auf die Produkte führe, die die Exportnationen am wettbewerbsfähigsten machten. Auf dem Agrarsektor bedeute dies, dass in Argentinien rund 50 Millionen Rinder,    inBrasilien 186 Millionen Rinder und in Australien über 100 Millionen Schafe jährlich  produziert würden. Andere Länder spezialisierten sich hingegen auf einzelne  Produktionsphasen. Die Niederländer etwa züchten und schlachten Schweine, die Spanier  mästen sie in der Zwischenzeit. Für all dies seien Tiertransporte unerlässlich. Wichtige  Faktoren, die den globalen Handel beeinflussen, sind dabei Währungskurse, nationale  Schlachtpreise, Transport- und Frachtkosten, Subventionen und Kriege aber auch  klimatische Bedingungen, Seuchen und Krankheiten.

Der Transport von Schafen dauere von ihrer Weide über bis zu zehn Zwischenstationen  zu  ihrer Schlachtstätte häufig zehn Tage und länger. Die Todesrate sei mit rund ein Prozent  rein prozentual gesehen überraschend niedrig. Tatsächlich bedeute dies jedoch allein für die  Transporte aus Neuseeland im »Normalfall« fast 40.000 tote Schafe jährlich. Streike die  Belüftungsanlage eines mit 80.000 Schafen beladenen Frachters auch nur für Minuten, seien unzählige Todesopfer die Folge. Die ab 5. Januar 2007 geltende EU-Verordnung verschlechtere um des Freihandels Willen dies alles noch. Während der internationale Handel mit Tieren boome, gebe es außerhalb Europas »kaum Tierschutzstandards, -Gesetze oder –Richtlinien«. Australien habe auf dem Papier zwar die umfangreichsten und strengsten Auflagen, sie würden jedoch dem Handel unterstellt, seien nicht verbindlich. 120 der 167 am Handel teilnehmenden Länder hätten keine Tierschutzstandards. Ziel der Tierschützer sei indes die Anerkennung internationaler Tierschutzstandards durch die WTO.

Ein Verbraucherthema?

Eine ganz andere Seite des Themas präsentierte Andrea Fink-Kessler von der Verbraucherzentrale Hessen. Sie differenzierte zunächst zwischen »Markenfleisch«, »Biofleisch« und »besonders tiergerecht« und zeigte, dass die Marktdurchdringung dieser Produkte minimal ist. Die Verbraucherschützer gingen im vergangenen Jahr mit umfangreichen Untersuchungen der Frage auf den Grund, woran das liegt. Das Ergebnis ist ernüchternd: einer EU-Umfrage zu folge konnten je nach Nationalität bis zu 70 Prozent der Verbraucher noch nie erkennen, ob Produkte aus artgerechter Tierhaltung stammen oder nicht. Als Ursachen nannte sie, dass »Produktqualität nicht am Produkt erkennbar ist. Stattdessen gibt es eine Vielfalt an Siegeln und Kennzeichnungen, Premiumwerbung mit Landidylle und Handwerklicher Qualität für Standardware und Massenproduktion«, die Signale seien selten durch neutrale verlässliche Organisationen abgesichert. Als konkrete Beispiel nannte sie Geflügelfleisch- und Eierkennzeichnung. Während die Kennzeichnung des Fleisches durch verwirrende Begriffe, mangelhafte Kontrollen und mangelhafte Praktikabilität ein Flop gewesen sei, »war die Eierkennzeichnung eine Erfolgsgeschichte«. Seit 2004 die Kennzeichnung obligatorisch geworden ist, übersteigt die Nachfrage nach Eiern aus Freiland- und Bodenhaltung längst die einheimische Produktion, sie müssen importiert werden. Für vorbildlich hält Fink-Kessler das »Label Rouge« aus Frankreich. Es handelt sich dabei um ein staatliches Zeichen auf Premium-Niveau entlang der gesamten Kette vom Stall bis auf den Teller. »Kriterien sind Rasse, Bestandsobergrenze, Auslauf, Fütterung, Mastdauer, Transport, Schlachtung und Zerlegung sowie sensorische Qualität.«

Der Verbraucher fordere ganz klar nachvollziehbare Kennzeichnung, Festlegung von Standards auf hohem Tierschutzniveau und auch das Verbot der Verwendung von Begriffen und Bildern, die eine andere Haltungsform signalisieren. »Für den Verbraucher wird Verwirrung organisiert, es wird ihm ein Bild suggeriert, das er gerne hätte, das aber nichts mit der Realität zu tun hat.«

Ein Thema für global player?

Dass das Thema »Tierschutz« auch einen Marktvorteil darstellen kann, zeigten Paul Daum, Qualitätsmanager des Lebensmittelhändlers Kaiser’s Tengelmann und Dr. Reinhardt Kaeppel von Mc Donald’s. Während Kaeppel das Thema Tierschutz und artgerechte Haltung vorwiegend in Bezug auf Produktsicherheit für Lebensmittel »egal ob aus Deutschland oder Brasilien« beurteilte, stellte Daum dar, dass Tierschutz für den Kunden ein wichtiger »Wert an sich« ist, der als solcher jedoch auch vermittelt werden muss. Unter seiner Leitung wurden seit 1990 Kampagnen geführt, in denen Tengelmann Bioprodukte bewarb und »in die Regale brachte«. Damals seien die Skandale noch aus der Urproduktion gekommen, sein Konzern habe daraufhin mit der Vermarktung »sicherer Produkte« begonnen. Man habe gezielt deutsche Landwirte verpflichtet und ihnen konkrete Vorgaben gemacht, »denn nur die können wir kontrollieren«. »Allerdings kann man dem Verbraucher keine Vorgaben machen, es geht nur, wenn wir dem Kunden erklären, warum diese Produkte besser sind und ihm dann die Entscheidung überlassen.« Daum warnte davor, Tierschutz durch die Werbung zu »verramschen«. » Dann heißt es in der Werbung der einen »unser Produkt ist besser, weil wir alle Kühe vor dem Schlachten noch mal streicheln« und bei den anderen »…weil unsere Kühe morgens eine Möhre bekommen«. Das Aspekte, die mit Tierschutz als Ganzes nichts zu tun haben! Tierschutz ist nicht teilbar; wenn er vermarktbar ist, werden wir kein klares Bild mehr davon haben.«

Daum brach eine Lanze für die heimischen Landwirte: »Lassen sie die Produktion hier im Lande und helfen sie, die Bedingungen Schritt für Schritt zu verbessern! Kommen die Tiere aus anderen Ländern, haben wir keinen Zugriff mehr.« Um »unsere« Vorstellungen Natwest self build mortgage und Werte in Bezug auf den Tierschutz durchzusetzen, seien Bemühungen auf europäischer und internationaler Ebene grundlegend. »Die Gesetze müssen in Brüssel durchgesetzt werden, ich warne vor Alleingängen!«

Wenn auch der globale Handel viele Probleme mit sich bringt, scheinen (manche) Konzerne, Verbraucher und Verbände die Zeichen der Zeit erkannt zu haben: Tierschutz ist ein Wert, der in unserer Gesellschaft tief verwurzelt ist. Der Weg zu seiner erfolgreichen Umsetzung ist weit, doch die vielen erfolgreichen »kleinen Schritte« – zumindest auf nationaler und europäischer Ebene – zeigen, dass sich die Bemühungen lohnen. Dass Tierärzte dabei sehr häufig die Schlüsselpositionen in Produktion, (Transport-) Kontrollen und Überwachung innehaben, steht außer Zweifel und bietet ein wertvolles Betätigungsfeld.

Dr. Henrik Hofmann in: VETimpulse 10/2006

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Henrik Hofmann

About Henrik Hofmann

Dr. Henrik Hofmann …. betreibt eine Kleintierpraxis in Butzbach/Hessen. Er ist spezialisiert auf Akupunktur und Schmerztherapie, seine Frau Daniela – ebenfalls Tierärztin – beschäftigt sich intensiv mit Zahnmedizin bei Kleintieren. Dr. Hofmanns spezielle Leidenschaften sind Schreiben und Fotografie. Einerseits auf diesem Blog, daneben aber auch für eine Reihe von Tierhalterzeitschriften und Tageszeitungen. Von ihm erschienene Bücher sind oben unter der Rubrik „Bücher“ beschrieben. www.tierundleben.de